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Seelenanalytiker, liebt er es, sein Problem dialektisch im Zickzack rascher Gedankensprünge zu durchdenken; dem Leser wird zugemutet, diesen Sprüngen zu folgen ohne die Verbindungsglieder zu kennen, die Browning ihm vorenthält, und die Synthese selbst zu vollziehen. Mit einer außerordentlichen Beobachtungsgabe für das Charakteristische ausgestattet, empfängt Browning von seinem Gegenstand hundert Eindrücke; er vermittelt dem Leser nicht das Gesamtbild, zu dem sie sich ihm fügen, sondern teilt sie ihm wieder einzeln mit und überläßt ihm, sich die Totalität selbst zu konstruieren.

In dieser Methode liegt der eigene Reiz der Browningschen Dichtung, die den Leser zu energischer Mitarbeit nötigt, zugleich aber ihre künstlerische Schwäche. Der Leser fühlt sich im Banne einer machtvollen Persönlichkeit, die ihn zwingt, ihren Bahnen beim Schaffen nachzugehen. Es wird aber vorausgesetzt, daß er die Gabe besitze, aus Andeutungen die Absichten des Dichters zu erraten, im Entwurfe schon das ganze Kunstwerk so zu erblicken, wie es im Kopfe des Meisters lebt. Es scheint Browning geradezu befremdet zu haben, daß man dunkel fand, was ihm doch ganz klar war. Als er das unverständlichste seiner Werke, Sordello, veröffentlichte, äußerte er sich in triumphierender Zuversicht, diesmal wenigstens werde sich niemand über seine Unverständlichkeit beklagen können. Der Notwendigkeit, ein Kunstwerk, das doch für sich sprechen soll, objektiv-verständlich auszuführen, lernte er erst allmählich Rechnung tragen. Seine Jugenddichtungen sind am rätselhaftesten; in seiner mittleren Periode lichtet sich die Dunkelheit seiner Ausdrucksweise, nimmt aber im Alter wieder zu.

Es würde um Brownings Aussichten übel gestanden haben, hätte er gleich Tennyson durch seine Dichtung sich erst die Möglichkeit unabhängigen Lebens und Schaffens sichern müssen. Mit liebenswürdiger Bescheidenheit hat er selbst einmal erklärt: "When I think of the

many authors who have had to fight their way through all sorts of difficulties, I have no reason to be proud of my achievements." Seinem Vater, einem wohlhabenden Bankbeamten, war es möglich, dem Sohne volle Freiheit in der Verfolgung seiner Interessen von Jugend auf zu sichern; selbst von ungewöhnlicher und vielseitiger Bildung, ein vom Leben in seinen Neigungen gehemmter Idealist, brachte er der Eigenart seines Sohnes liebevolles Verständnis entgegen und ließ ihn seinen Bildungsgang selbst wählen. Es war im wesentlichen der eines Autodidakten. Robert Browning besuchte zwar eine kurze Zeit Vorlesungen im University College zu London, hat aber den gewöhnlichen akademischen Studiengang nicht durchgemacht. Seine Kenntnisse in Literatur-, Kunst- und Musikgeschichte sind ebenso ausgedehnt und vielseitig als barock; er liebte es, ihre Rumpelkammern zu durchstöbern, und seine historischen Themen und Anspielungen sind daher meist so entlegen, daß man zu ihrem Verständnis einer besonderen Browning-Enzyklopädie bedarf, wie sie ein Verehrer des Dichters tatsächlich zusammengestellt hat.

Die ersten dichterischen Versuche Brownings sollen unter dem Einflusse Byrons gestanden haben. Das erste Werk, das er 1833 - anonym und auf Privatkosten veröffentlichte, "Pauline, a Fragment of a Confession,' zeigt die Einwirkung Shelley's, die für ihn jedoch nur ein Durchgangsstadium bedeutet. Das Thema die Seelenbeichte eines sterbenden jungen Dichters, der seiner geistig vergegenwärtigten Geliebten seine inneren Entwicklungskämpfe, Zweifel und dunklen Stimmungen schildert ist so verschwommen und abstrakt behandelt, daß selbst die Verfasserin eines erläuternden Handbuches zu B.'s Werken, Mrs. Sutherland Orr, es für unmöglich erklärt, den Inhalt in eine faßbare Formel zu bringen. Browning selbst schloß das Gedicht bis 1868 von den Ausgaben seiner Werke aus; daß es gleichwohl poetisch nicht unbedeutend ist, bezeugt seine Wirkung auf den

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jungen D. G. Rossetti, der im British Museum auf das anonyme Werk stieß und es sich abschrieb, ohne den Verfasser zu kennen.

In Paracelsus (1835) zeichnet Browning ein ähnliches Seelengemälde, die Entwicklung eines nach universaler Erkenntnis strebenden Geistes, der durch innere Erfahrungen die Grenzen seiner Einsicht und die Mangelhaftigkeit eines rein intellektuellen Strebens erkennt. Faßbarer durch die Form des Dialoges und die Einführung mehrerer Personen, minder abstrakt durch Anlehnung an einen historischen Hintergrund und durch die Umsetzung des Problems in eine Handlung, ist diese Faustdichtung des Dreiundzwanzigjährigen trotz aller Breite und Dunkelheit doch eine Offenbarung großen Könnens und zählt zu seinen bedeutsamsten Werken. Eine dritte psychologische Studie gleicher Art ließ Browning 1840 folgen. Ihr Held ist Sordello, der altitalienische Dichter, den Dante und Vergil im Purgatorio erblicken «in guisa di leon quando si posa». Trotz der epischen Form zeigt sie keinen Fortschritt in der Kunst verständlicher Objektivierung, sondern verschwimmt wie sein Erstlingswerk in chaotischer Nebelhaftigkeit. Browning hatte Italien gesehen und umfängliche Studien über die Zeitgeschichte gemacht, ehe er Sordello schrieb; das Werk ist trotzdem eine so abstrakte Analyse dichterischer Seelenveranlagung, daß der Spott Carlyles nicht unberechtigt war, seine Frau habe das Gedicht gelesen ohne herausgebracht zu haben, ob Sordello ein Mensch, eine Stadt oder ein Buch sei.

Durch seine Bekanntschaft mit dem Tragöden W. C. Macready war Browning angeregt worden, für die Bühne zu schreiben. Zwischen 1837 und 1846 verfaßte er sieben Dramen, deren bedeutendstes, Pippa Passes, jedoch von vornherein nur zur Lektüre bestimmt war; ein achtes, “A Soul's Tragedy", ist nur eine analytische Studie in Gesprächsform. Die sechs Bühnendramen Brownings sind zum Teile mit Erfolg aufgeführt worden; zum wirk

lichen Dramatiker fehlte es Browning jedoch an genügender Kraft, die psychische Charakteranalyse in dramatische Charakterentwicklung umzusetzen. Wo er ohne Rücksicht auf die Bühne dichtet, in "Pippa Passes", beschränkt er sich auf dialogische Darstellung der Peripetie: die vierzehnjährige Pippa durchwandert an ihrem einzigen Feiertage im Jahre die Straßen von Asolo und zieht singend an den Fenstern der vier «glücklichsten» Menschen, die sie kennt, vorbei, während innen sich eine psychische Lebenskatastrophe vollzieht, in die ihr Liedchen entscheidend eingreift. So entrollt Br. vier zusammenhangslose dramatische Momentbilder, die rein äußerlich durch einen losen Faden verbunden sind. Von da war es nur ein Schritt zu der Konzentrierung auf monodramatische Rollenlyrik, die in den "Dramatic Lyrics" (1842) und "Dramatic Romances" (1845) zum ersten Male hervortritt und fortan vom Dichter bevorzugt wird. Damit hatte er die ihm zusagendste Kunstform gefunden, in deren Beherrschung er absoluter Meister ist; das Drama war für ihn die Schule poetischer Technik und Konzentration geworden, deren er so dringend bedurft hatte.

Die Werke der Jahre 1841-1846 erschienen als Hefte einer (in der Gesamtausgabe aufgelösten) Serie, die den weithergeholten Titel "Bells and Pomegranates" führte; er wurde den Lesern erst in der Schlußnummer erklärt: von der Ornamentierung des hohepriesterlichen Gewandes hergenommen, solle er symbolisch andeuten "an alternation, or mixture of music with discoursing, sound with sense, poetry with thought." Durch die "Bells and Pomegranates", insbesonders "Pippa Passes" und die zwei Gedichtsammlungen von 1842 und 1845, war Browning in weiteren Kreisen bekannt geworden. Die theologische Problemdichtung Christmas-Eve und Easter-Day (1850) schien wieder in die alten Bahnen der Ideendichtung einzulenken, zeigt aber nichts von der ehemaligen Verschwommenheit, sondern überrascht stellenweise durch

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eine kräftige Anschaulichkeit der Schilderung. Mit "Men and Women" 1855 und "Dramatis Persona" 1864 kehrte Browning zur dramatischen Lyrik zurück; sie krönen diese Richtung und schließen die vollendetsten Äußerungen seines Genius in dieser Kunstform ein.

Dieselbe Technik monodramatischer Seelenanalyse zeigt, in kolossalen Dimensionen, die über 21000 Verse umfassende Dichtung "The Ring and the Book", die Brownings Ruhm am weitesten verbreitete und von vielen Verehrern für sein bedeutendstes Werk erklärt wird. In 12 Büchern wird ein römischer Mordprozeß vom Jahre 1698 dem Leser von zwölf verschiedenen Gesichtspunkten vorgeführt. Im ersten macht Browning den Leser mit den wesentlichsten Tatsachen bekannt, die er einem zeitgenössischen Berichte ("The Book") entnahm; wie die römischen Juweliere Gold mit einer Beimischung versehen, um es zu einem ornamentierten Ringe zu verarbeiten, und nach Beendigung des Werkes die fremde Substanz chemisch wieder ausscheiden, will der Dichter die Tatsachen mit Phantasie durchdringen, um den psychologischen Zusammenhang der Begebenheiten mit innerer Wahrheit der Nachwelt neu erstehen zu lassen ("The Ring"). In zehn Monologen entwickeln Vertreter der Volksmeinung, Ankläger, Verteidiger, die Personen des Dramas und der Papst als höchster Richter ihre Gesichtspunkte. Das zwölfte Buch bildet ein Epilog des Dichters, der rückblickend neue Seiten des Problems enthüllt. Ein Drama, aufgelöst in seine Elemente, die Rollen umgewandelt in Monologe, das Zusammenspiel ersetzt durch die Einheit des ideellen Mittelpunktes, um den sich die Monodramen bewegen, steht dieses Werk, das durch die Wucht seiner riesenhaften Proportionen überwältigt, außerhalb aller bekannten Kunstformen und läßt sich mit keinem andern Maßstab messen als dem der Absichten seines Schöpfers. "The Ring and the Book is a great receptacle into which Browning poured, with an affluence

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