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neren Rande der Schale dicht anliegenden Streifen beschränkt, den Mantelrand.

Die sedentäre Lebensweise der phylogenetisch ältesten Muscheln besteht darin, daß die Tiere sich durch ein Sekret, Byssus‚ auf irgend eine Unterlage festkleben und in dieser Stellung fast ihr ganzes Dasein verharren. Die phylogenetisch jüngeren Acephalen vergraben sich mit dem Vorderteile des Körpers in Sand oder Schlamm, so daß nur die hinterste Partie herausragt. Die Annahme dieser Gewohnheit hatte zur Folge die Ausbildung der Siphonen, durch deren einen das Atemwasser eintritt, während die Exkretstofle durch den anderen entleert werden. Die Reduktion der mit der Außenwelt in Beziehung bleibenden Körperpartieen ist hier also noch weiter gegangen als bei den phylogenetisch älteren Asiphonia; die Siphonen und besonders deren Mündungen sind es allein, welche den genannten Rapport herstellen, während der Mantelrand, der im Sande steckt, dazu gar nicht oder nur noch wenig geeignet ist.

Mit dieser Einschränkung der sich zum Sitze der Empfindung eignenden Körperoberfläche hielt als fernere Folge der sedentären Lebensweise gleichen Schritt die Rückbildimg der Sinnesorgane.

Tiere, welchen eine freie Ortsbeweglichkeit mangelt, können ihre Nahrung nicht aufsuchen, ihren Feinden nicht entfliehen; Organe, welche hierfür bei frei beweglichen Tieren Vorteil bringen, sind daher bei sedentären vom Überfluß und verschwinden infolgedessen allmählich vollständig. Aber nicht bloß die Organe, welche das Suchen und die Flucht ermöglichen, sondern auch die, durch welche das Gesuchte wie das zu Fliehende erkannt werden, erliegen naturgemäß einer bis zum völligen Schwund gehenden Rückbildung.

So wären denn die Muscheln, die von allen denjenigen Einrichtungen entblößt sind, deren sich frei lebende Tiere im Kampfe um das Dasein mit Erfolg bedienen, und weil ihre Beziehung zum umgebenden Medium einzig und allein durch die taktile Empfindung hergestellt wird, völlig wehrlos jeglichen Angriffen preisgegeben. Hätten sich bei ihnen nicht Apparate ausgebildet, welche zur Verteidigung zu gebrauchen waren, so hätten sie nicht existieren können. Als solche Verteidigungs-, als Schutzeinrichtungen sind die Giftmassen (bei einigen Gruppen, wie den Najaden, Tellinaceen, Solecurtus und Pholas die Mucinmassen) geeignet sowohl durch die Art ihrer chemischen Wirkung, durch die Massenhaftigkeit, mit der sie produziert werden, wie auch durch die Stellen, an denen sie sich finden. Aus meiner früheren Einzclbeschreibung geht mit Evidenz hervor, daß diese sekretorischen Apparate gerade da vorhanden sind, wo der feindliche Angriff am ehesten und leichtesten erfolgen kann. Ich brauche dies unter Hinweis auf meine thatsächlichen Mitteilungen nicht weiter auszuführen.

Sehr lehrreich für die Erkennung der Folgen, welche die sedontäre Lebensweise nach sich zieht, sind die Ostreaceen. Pecten hat ein sehr entwickeltes Lokomotionsvermögen wieder erlangt. Gleichzeitig sind damit die sekretorischen Apparate völlig verschwunden, dafür aber haben sich Sinneswerkzeuge in großer Menge und Mannigfaltigkeit ausgebildet. Ostrea ist nicht nur zur sedentären Lebensweise zurückgekehrt, sie ist sogar auf ihrer Unterlage festgewachsen und darum finden wir hier einen vollständigen Mangel an Sinnesorganen und einen relativen Reichtum an drüsigen Apparaten.

Eigenartig ist die Erscheinung von Lima. Diese Muschel hat das Vermögen freier Ortsbeweglichkeit, besitzt indessen keine speziellen Sinneswerkzeuge, wohl aber massenhaft Drüsen. Es wird durch diese Thatsache einerseits die Gegensätzlichkeit in der Ausbildung von Sinnes- und Drüsenapparaten klar dargethan, andererseits aber zeigt sich, daß freie Beweglichkeit und Existenz von Sinnesorganen nicht notwendig gleichen Schritt halten müssen.

Interessant ist auch das Verhältnis zwischen den beiden zur selben Ordnung gehörigen Arten Cardita und Astarte. Erstere Muschel, welche am Strande lebt, besitzt einen mächtig entwickelten, ein giftiges Sekret produzierenden Randwulst. Astarte, welche, wie mir in Neapel mitgeteilt wurde, nur mit der Dredge erlangt werden kann, lebt in großen Tiefen und hier sind nur wenige Drüsen vorhanden, wie ich dies früher angegeben. Die Erklärung für diese Erscheinung dürfte wohl darin gefunden werden, daß jene Species, weil sie in bewegteren, lebensvolleren Schichten des Meeres sich aufhält, leichter feindlichen Angriffen ausgesetzt ist und darum mit Verteidigimgswaifen reichlicher ausgestattet sein muß, als diese, welche auf dem Grunde des Meeres existierend von Fährlichkeiten viel weniger betroffen wird.

Eine histiologisch wichtige Veränderung hält bei den Muscheln gleichen Schritt mit dem Schwinden der Sinnesorgane und der Ausbildung der sekretorischen Apparate; sie betrifft die Binde

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substanz. Bei den Ostreaceen und unter den Arcaceen bei den mit Augen versehenen (Pectunculus ausgenommen) hat dieselbe zwar den Charakter des spongiösen Gewebes, wie es MAX Sennrxrzn genannt hat, das Netzwerk aber ist ungemein dicht, die Maschen sind eng und die denselben eingelagerten Zellen (die Fnnmiunvtafschen Bindesubstanzzellen) sehr klein. Mit der stärkeren sekretorischen Thätigkeit, unter dem Bedürfnisse nach großen Massen flüssiger, zur Verteidigung geeigneter Produkte ändert sich auch ihr Bau. Die Fibrillen erscheinen lockerer geflochten, das Netz wird weiter, die Fnnnmnvtiflschen Zellen größer und diese erlangen nunmehr eine Funktion, die ihnen als Bindesubstanzzellen ursprünglich fremd ist. Sie sind es nämlich, wie ich wiederholt dargethan habe, welche das massenhafte bei den einen Arten giftige, bei den anderen mucinöse amorphe Sekret liefern.

Im ersten Teile dieser Arbeit habe ich die Auffassung bekämpft, welche FLEMMING in seiner Abhandlung „Untersuchungen über Sinnesepithelien der Mollusken“ (15) aufgestellt hat, wonach die „Zelle des Bindegewebes . . . . . durch Metamorphose ihres Leibes die Massen von Schleim produziert“ (1. c. p. 464). Ich war zu meinem Widersprüche berechtigt, weil Fnnmnme diesem Satze eine allgemeine Gültigkeit vindizierte, die ihm thatsächlich nicht zukommt. Ich möchte hier aber dem etwaigen Mißverständnisse ausdrücklich entgegentreten, als ob ich durch meinen Widerstreit die Richtigkeit der Fnnnmnvcrfischen Anschauung überhaupt geleugnet hätte. Das ist durchaus nicht der Fall. War die Ansicht für jenen speziellen Fall nicht ein Ausdruck der Thatsachen (es handelte sich bekanntlich um die Ostreaceen), so ist sie es doch, wenn man die ganze Klasse der Muscheln daraufhin ansieht. Mit der allerdings sehr wichtigen Einschränkung, die FLEMMING nicht gemacht hatte und infolge des Umstandes, daß er nur wenige Species bearbeitet, auch nicht machen konnte, daß die von den Bindesubstanzzellen erworbene Fähigkeit, sekretorisch thätig zu sein, nicht ein Zeichen der Norm, sondern der Ausdruck eines Rückbildungsprozesses, eines degenerativen Vorganges ist, welcher sein ursächliches Moment in der festsitzenden Lebensweise der Muscheln hat.

Wir können also ganz allgemein sagen: Die sedentäre Lebensweise hat zur Folge eine bis zum völligen Schwunde gehende Rückbildung spezieller, d. h. höherer Sinnesorgane und somit eine Reduktion des Sinneslebens auf die einfache taktile Erregbarkeit, welche nunmehr allein den Rapport der Organismen mit der Außenwelt vermittelt. Sie würde die die Tiere wehrlos und damit existenzunfähig machen, wenn nicht gleichzeitig drüsige Organe in größerer Menge imd mit besonderer Funktion entstünden, welche zwar nicht feindliche Angriffe verhüten können, wohl aber imstande sind, durch Vernichtung des Feindes einer durch denselben möglichen tieferen Schädigung vorzubeugen.

Die Rückbildungsprozesse, die hier betrachtet worden sind, und die Erkennung der Thatsache, daß unter ihrem Einflusse ein Ersatz sensorischer durch sekretorische Funktionen eintritt, sind, wie ich glaube, nicht ohne einiges naturphilosophisches Interesse.

Die Veränderungen zu diskutieren, welche die Morphe einer Tiergruppe durch Annahme der sedentären Lebensweise erleidet, ist hier nicht der Ort. Die Veränderungen und Umbildungen, welchen die Sinneswerkzeuge, die Substrate der Psyche, unterworfen sind, führen, so glaube ich schließen zu dürfen, auf dem Wege rückwärts, auf dem von den Protozoen an vorwärts die Ausbildung der Sinnesapparate gegangen ist.

Bei denjenigen Lebewesen, welche auf der untersten Stufe tierischer Organisation stehen, bei denen von einer Differenzierung verschiedener Sinnesmodalitäten füglich noch nicht gesprochen werden kann, wo also nur eine allgemeine mechanische Irritabilität des Protoplasmaklümpchens vorhanden ist, zeigt sich, wie aus dem trefllichen Werke von Vnnwonn „Psychophysiologische Protistenstudien“ hervorgeht (cfr. besonders p. 75-90 l. c.), die interessante Erscheinung, daß ein mechanischer Reiz einen Sekretionsvorgang auslöst. Wenn ein Pseudopod einer Difflugia mechanisch irritiert wird, sei es experimentell, sei es aus einer natürlichen Ursache, so wird dasselbe uneben, es quellen Tropfen einer klebrigen Substanz aus ihm heraus, durch welche das Irritament festgehalten wird. Es sezerniert also aus seinem Protoplasma das Protist eine zur Verteidigung geeignete Substanz.

Da, wo eine Differenzierung schon Platz gegriffen hat, wo Organoide (Geißeln, Wimpern, Cuticula) ausgebildet sind, die neben der lokomotorischen bez. schützenden Funktion in gewisser Hinsicht eine Art Sinnesfunktion besitzen, tritt dieser Vorgang nicht ein; eine Sekretion findet nicht statt.

So zeigt sich also schon auf tiefster Stufe des Lebens die Gegensatzlichkeit von Sinneswerkzeugen und Sekretion.

Je komplizierter der tierische Organismus wird, je mannigfaltiger sich seine Beziehungen zur Außenwelt gestalten, je reicher also sein Sinnesleben sich entwickelt, um so mehr tritt die primitive Funktion der Absonderung flüssiger, zur Verteidigung geeigneter Produkte in den Hintergrund. Das ist, glaube ich, eine nicht zu bestreitende Thatsache.

Daß nun dann, wenn durch Anpassung an eine besondere Lebensweise die Sinnesorgane und somit die Sinneswahrnehmungen bis auf die taktile Empfindung, d. h. bis auf eine allgemeine Irritabilitat verschwinden, wiederum, gewissermaßen vicariierend, die sekretorischen Funktionen, die Absonderung zur Verteidigung geeigneter flüssiger Sekrete in den Vordergrund tritt: das ist eine Erscheinung von größtem Interesse.

Wir lernen zum mindesten das aus derselben, daß, mag der F ormgestaltungstrieb auch eine unendliche Fülle der verschiedenartigsten Gebilde gezeitigt haben, der Weg, den die Ausbildung der Sinne, d. h. die Entwickelung der Psyche gegangen ist, ein einfacher, gradliniger ist.

Eine zweite, nicht minder interessante Frage, zu deren Beantwortung das Studium des Mantelrandes der Acephalen die Möglichkeit gewährt, ist die des Verhältnisses zwischen

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Seit den Zeiten von PoLr hat das Bestreben geherrscht, bei den Acephalen Sehorgane nachzuweisen. WILL (49) hat an Repräsentanten fast aller Familien Augen beobachtet, an denen er ziemlich alle Teile des Vertebratenauges gefunden zu haben behauptete. Die Bedeutung, die man den WILL’schen Angaben beimaß, erhellt unter anderem daraus, daß sie in das Lehrbuch von SIEBOLD übergegangen sind. Bald aber, durch Anwendung besserer Untersuchungsmethoden und bei kritischerem Verhalten der Forscher, schrumpften die Resultate der W1LL’schen Arbeit fast zu nichts zusammen, denn nahezu bei allen Muscheln, die er untersucht hatte «- Pecten und Arca ausgenommen — erkannte man die Abwesenheit kompliziert gebauter Sehorgane.

Damit indessen war der Neigung, für die Muscheln Substrate des Gesichtssinnes nachzuweisen, keineswegs ein Ziel gesetzt;

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