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der Schiffskrankheit stark angegriffen, ruhte etwas aus, während ich mit Herrn Soellner naturhistorische und Herr Dr. Scholz seinen wissenschaftlichen Zwecken angemessene Excursionen in die nächsten Umgebungen von Castel nuovo machten. Um eine grofse Menge dort einheimischer Formen von Naturkörpern zu übersehen, war die Jahreszeit ungünstig, denn seit dem Monat Mai (also seit 3 Monaten) war kein Regen gefallen, und ein Naturforscher mufste in die Klagen der Eingebornen stimmen. Dessen ungeachtet sprach sich der Character der Gegend deutlich aus, denn umsonst war es, wenn wir aus einer unwillkührlichen Scheu vermeiden wollten, auf Myrten und Lorbern zu treten, und wenn wir lastenweis diese ehrwürdigen Lieblinge uralter Dichtkunst mit Cypressen als Brennholz auf Eseln forttragen sahen, so war es eine an Mitleid und Unwillen grenzende Empfindung, die sich uns aufdringen wollte. Die Gegend war nicht was wir suchten, der allgemeine Eindruck war der einer Armuth an Vegetation, aber wir durften uns nur zum Anschauen der Einzelheiten herabneigen, um Freude und Begeisterung aus dieser südlichen Natur zu schöpfen, welche die Träume unsrer Jugend versinnlichte.

Um Uebersicht einer gröfsern Landstrecke zu gewinnen, beschlossen wir, mit einer Barke bis ans innere Ende des Canals nach der Festung Cattaro zu fahren, und erwarteten, bei der Rückkehr von der zweitägigen Excursion, das Schiff zur Abreise bereit zu finden. Eine Barke mit 4 Rudern, welche der Vater des Capitains, Herr Lazaro Ducovich, uns besorgt hatte, führte uns am 12ten August den Canal hinauf. In mancherlei Krümmungen tritt dieser, meist nur einige Büchsenschüsse breit, ins Land zwischen die sich gleich bleibenden Kalkfelsen, und bildet einige kleine Halbinseln. In 3 Stunden ist von Castel nuovo sein Ende mit einer Barke zu erreichen. Kleine Ortschaften liegen in geringen Entfernungen an seinem Rande und geben den Character von Wohlhabenheit ihrer Bewohner, die freilich wenig Bedürfnisse haben. In Dominica, an der rechten Seite des Canals, ward zu Mittag Brod, Käse und Wein eingenommen. Ein dasiger Färber, ein für die Gegend sehr gebildeter Mann, zeigte uns eine Mineraliensammlung, welche, sonderbar genug, fast lauter schlesische und sächsische Stücke enthielt, die mit deutschen, französischen und italienischen Etiquetten versehen waren. Er hielt diese ausländischen Steine in hohem Werth.

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Zu Cattaro, wohin wir gegen 3 Uhr Nachmittags gelangten, ward von Seiten der Dogana unsere Pflanzenbüchse revidirt, nach welchem Ceremoniel wir auf den kahlen Berg stiegen, der die Stadt beherrscht und die Festung trägt. Der von noch höhern, nicht weit entferntem Punkten überragte, im Osten der Stadt aufsteigende Felsen war schwer zu besteigen, schroff, heifs und glatt, dazu ganz vegetationslos. Kaum zu rechnen waren einige sparsam und kümmerlich wachsende Pflanzen, eine Wolfsmilch, ein Pfefferkraut und das europäische Heliotropium mit einigen Steinflechten. Wir nahmen eine Probe des Felsens von seiner Spitze und sahen dabei ein auf der andern Seite in einem tiefen und engen Kessel liegendes Montenegriner Dörfchen. Bei der Rückkehr in die einzige schlechte Locanda r) des Ortes umringte man uns, und während ich die gesammelten Naturalien in Sicherheit brachte, mufste Dr. Hemprich sich etwas Zeit abmüfsigen, Recepte gegen allerlei Krankheiten zu schreiben. Gegen Abend veranlafste das Zurückfordern der Pässe eine vielfache Bemühung, Die Abendunterhaltung mit andern Anwesenden dauerte bis 12 Uhr Nachts und gab uns Gelegenheit, mehrere Details über den Character der Eingebornen und über Landeseigenthümlichkeiten zu erfahren.

Am folgenden Tage ward die Rückkehr begonnen. Es war Festtag, und besonders der Wirth in Dominica nahm sich heute in seinem an Brust und Waden mit Blech bepanzerten Anzüge und silberreichen Waffen gar stattlich aus. An mehreren Stellen, wo wir im Vorüberfahren frische Vegetation bemerkten, ward angehalten und diese untersucht. Um 11 Uhr kamen wir wieder in Gastel nuovo an und setzten unsern Weg zum Bord des Schiffes fort, wo das Trocknen, Untersuchen und Aufbewahren der gesammelten Naturalien unsre Thätigkeit in Anspruch nahm.

1) Mira sunt secreia hominum! Per tolam Aegyplum latrinae culinarum partein efficiunt porta quidcm carentem, discretam tarnen. Est igitur cur Petronius dicat, non bene olere posse, qui in culina habitent. Nusquam vero hominum isla secreia magis in aprico et importuna offendimus, quam in Üalmatiae, olim romanae, urbe Cattaro, ubi non alias locus his officiis vacabat, nisi fovcola ipsissimis solis natibus apta in pariele culinae mulieribus in coquendis assandisque cibis occupatis, pertinacissimis repletae.

Da die Abreise noch verschoben ward, so besuchten wir an den folgenden Tagen sowohl das südliche, als nördliche Ufer der Bucht bei Castel nuovo bis zur türkischen Grenze. Auf einer der Excursionen begegnete uns ein Montenegriner, deren gewöhnliche Titel bei den Bocchesen waren: Ladri assassini maledetti (verfluchte Räuber und Mörder). Aus Durst folgten wir Beide der Einladung in sein nahes Haus, wo seine Frau uns freundlich empfing und mit einem Gläschen Liqueur und frischen Trauben bewirthete. Grofse Einfachheit und Reinlichkeit umgaben uns. Sie sprachen schlecht italienisch, wir auch, und so ward die Unterhaltung durch etwas Schwierigkeit interessant und cordial. Als sie hörten, dafs wir Aerzte wären, waren sie, wie sich erwarten liefs, Beide krank, und diefs Verhältnifs brachte noch mehr Vertraulichkeit. Der Mann erzählte, dafs er sonst Schiffscapitain gewesen und die Welt viel gesehen habe. Zum Belege dafür zeigte er uns mit freudigem Eifer ein — englisches Caper-Patent x) von Malta, welches auf seinen Namen ausgestellt war, aber sich nicht eben eignete, seinen Credit bei uns zu vermehren. Klagen über die trockne Witterung, welche die Jahresernte vernichte, und Fragen und Verwunderung über unsre sonderbare Beschäftigung gaben Stoff zur Unterhaltung von Seiten der Frau. Beim Abschied wurden wir mit der gutmüthigen Ermahnung entlassen, doch nicht zu tief in die Berge zu gehen, weil es dort Ladri und Assassini gebe. Wir dankten für freundliche Aufnahme und guten Rath, machten bemerklich, dafs wir nichts weiter als Pflanzen, Würmer und unsre Waffen bei uns führten und setzten unsere Wanderung weiter fort.

1) Erlaubnisschein, Seeräuberei gegen mit England befeindete Mächte zu treiben.

Auf einer andern Excursion begegnete uns eine dalmatische Schöne, die am Krautersammein uns sogleich für Aerzte, vielleicht für Collegen, erkannte und uns, unsrer Bewaffnung ungeachtet, auf gut dalmatisch, wovon wir keine Sylbe verstanden, um ein Mittel gegen die Sommersprossen ihres Gesichts ansprach. Pantomimen waren die Dolmetscher, bis auf das ihr verordnete ihr zu Gebote stehende Schönheitsrecept: Zwiebelsaft mit Essig, zu dessen Erkenntnifs es nöthig war, die Uebersetzung aus einem nahen Hause von einer alten Frau zu holen, welche italienisch sprach. Das einfache, uralte, noch durch kein viel besseres ersetzte Mittel schien den Frauen zu unangenehm, oder zu einfach, aber der Vorfall gab uns in der Person eines muntern Burschen von etwa 17 Jahren, des Sohnes jener Alten, einen erwünschten Führer durch die Wein- und Oelgärten zu den Bergen.

Als wir ein andermal, vom Bergsteigen und der heifsen Sonne ermüdet, in der Nähe von Castel nuovo umherwanderten, fanden wir einen, das Weinmesser in der Hand, mit seiner Frau am Wege sitzenden Bocchesen, welcher Trauben neben sich hatte. Auf unsre Frage, ob er die Trauben nicht verkaufe, erlaubte er nicht nur, uns davon auszulesen, sondern er führte uns dann in seinen nahen Garten und lud uns ein, an Feigen und Trauben, die wir selbst pflücken konnten, uns satt zu essen. Auch unsern Wunsch, dergleichen mit aufs Schiff zu nehmen, befriedigte er, und — wir errötheten über unsre Zudringlichkeit — er nahm keine Bezahlung an.

Diefs sind aus der Natur und der eignen Erfahrung entlehnte Characterzüge jener Menschen. Der auf unsern Streifwegen gewonnene naturhistorische Character des Landes ist in Kürze folgender:

Mineralogischer Character der Bocca di Cattaro.

Das Gestein, welches den Boden bei Castel nuovo und Cattaro bildet, sind zum Theil culturlose, gegen 3000 Fufs hohe Fel senmassen, zum Theil wellenförmige, culturfähige Untergebirge, die den Saum des Meeres begrenzen. Grauer Kalkstein mit weifsen Kalkspathadern ohne Spur von Versteinerungen, weder von vegetabilischen noch von animalischen Ueberresten, ist die Gebirgsmasse der hohen Felsen bei Cattaro. Die etwas dunkle Färbung hat diesem Gebirge den Namen Monte nero oder negro (Schwarzberg) zugezogen, und die Bewohner desselben sind die berüchtigten Montenegriner l). Die Aehnlichkeit zwischen der Bildungsmasse des Karstes bei Tri est und der Gebirge der Bocca bei Cattaro steht etwas im Widerspruch mit der Verschiedenheit der äufsern Form beider Gebirge; weniger steil, sanfter und nicht pflanzenleer sind die Gebirge bei Tri est, schroffer, fast zackig und kahl sind die Gebirge der Bocca, aber am Fufse beider Gebirge sind gegen das Meer hin Hügel, deren Thongehalt den Kalk zum Mergel umbildet, welcher abwechselnd mit Sandstein 2) einen erfreulichen Pflanzenwuchs bedingt. Hier nur gedeihen Oliven, Wein, Feigen, Orangen, Granatäpfel, Castanien und Maissaaten. Ein solcher fruchtbarer Saum umkränzt den Canal von Cattaro und bildet die nächste Einfassung des Meeres von Dalmatien und Albanien, überragt von hohen und kahlen, schroffen Felsenmassen.

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Ein Blick auf die nahen dalmatischen Inseln, welche von gleichem Flötzkalk gebildet, wie das hohe Festland, zwischen sich und

1) Die hohen Felsenmassen im Gebiet von Ragusa und Caltaro sind, nach Herrn I'Autsch, Jurakalk-Gebirge, allein dieser Name scheint blofs den zunächst am Meere von Castel nuovo nach Ragusa hin nordwestlich laufenden Hochgebirgen zuzukommen, indem die Gebirge östlich von Castel nuovo und zunächst bei Cattaro (der eigentliche Monte negro) den Character des Alpenkalks annehmen. Die von uns an das Berliner mineralogische Cabinet eingesandte, von der Spitze des Berges, welcher die Festung bei Cattaro trägt, entnommene Steinprobe bestätigt diese, schon im Landesnamen, Monte negro, festgehaltene Eigentümlichkeit jener Gebirge. Es ist ein aschgrauer, dichter Kalkstein mit Kalkspathadern, von Farbe selbst etwas dunkler, als der des zum Alpenkalk gerechneten Karstes bei Triest. Das beigegebene Gebirgsprofil ist aus der Gegend von Castel nuovo und macht die dortige Juraformation anschaulich.

2) Der Sandstein enthält bei Cartoli, nach Herrn Partsch, zuweilen Abdrücke von Pflanzenstengeln. 1. c. pag. 43.

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