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mit grofsem Geschrei sich um das Tragen der Effecten zu prügeln. Mit Mühe entrissen wir einigen die schon aufgepackten Koffer wieder, bis die Douane, welche einige Schwierigkeiten machte, befriedigt war. Ein Janitschar des Consulats half uns, die Candidaten zum Lasttragen etwas im Zaum zu halten, dann aber liefen sie mit den Sachen unaufhaltsam davon. Wir folgten einzeln den uns am meisten wichtigen Gegenständen und bewunderten die Ehrlichkeit der Leute, welche bei der unübersehbaren Verwirrung nichts entwendet hatten. Späterhin erfuhren wir zwar, dafs die Lastträger Zünfte bilden und Vorsteher haben, welche verantwortlich sind, allein auch dabei durften wir uns nicht sorglos werden lassen, indem wir nichts Ueberflüssiges hatten und unsere Geräthschaften mit keinem Gelde zu ersetzen waren, so wenig Werth sie in Europa gehabt hätten.

Am Hafen war eine lebendige Regsamkeit. Wohl Hunderte von Booten bewegten sich mit arabischem Rudergesang zwischen der unabsehbaren Schiffsmenge, und so ärmlich und elend die herumstehenden nackten und zerlumpten Gestalten am Ufer im Aeufsern waren, so zufrieden und sorglos, ja keck und sarkastisch war der Ausdruck ihres Gesichts.

Um vom Hafen in den Theil der Stadt zu gelangen, welchen die Franken bewohnen, passirten wir erst einen Gottesacker und mufsten dann die Stadt der Länge nach durchwandern. Auf den Gräbern des Gottesackers safsen, in weifse Leintücher gehüllt, anscheinend wohlhabende Weiber und Kinder gruppenweis bei einander. Die Gesichter der Weiber waren ebenfalls mit einem Stück schwarzer oder weifser Leinwand bedeckt, welches durch zwei Oeffnungen nur die Augen mit schwarz angemalten Augenliedern durchblicken liefs. Ganz nackte oder mit Lumpen behangene, höchst schmutzige Kinder, von jedem Alter, und Weiber liefen vor uns her und beeilten sich, einander im Aufsammeln der Thierexcremente zuvorzukommen, die andere mit den Händen in Scheiben formten und gedörrt als Brennmaterial verkauften. In den engen, staubigen Gassen der dachlosen Häuser drängten sich ganze Reihen mit Wasser, Schiffsgut oder Menschen beladener, häfslicher, riesenhafter Kameele, Esel und zahlreiche, meist räudige, Hundefamilien mit Türken, Arabern und Europäern. Im innersten Theile der Stadt waren die Häuser etwas gröfser, und ihre Parterre-Wohnungen waren als türkische Tabagien und Kaufläden aller Art geöffnet, deren fremdartige Gegenstände unsere Aufmerksamkeit nach allen Seiten zogen. Man hätte sich selbst verloren in dieser Masse von fremdartigen Umgebungen, hätte nicht von Zeit zu Zeit der Rippenstofs eines berittenen, im schnellen Lauf sich durchdrängenden Esels, dem ein eben so schneller Araber mit kreischendem Schemalak! Riglak! (links Acht! Fufs weg!) folgte, oder das Herannahen eines befrachteten, die ganze Strafsenbreite füllenden Kameels, welches Zerquetschung drohte, jeden auf sich selbst zurückgeleitet und Vorsicht nöthig gemacht.

Durch so buntes Gewühl ganz zerstreut, und ohne selbst Aufmerksamkeit erregt zu haben, gelangten wir in das Okell des österreichischen Consulats, und wurden mit grofser Freundlichkeit von Herrn Champion aufgenommen, welcher uns und unserm Gepäck sogleich ein geräumiges, ganz orientalisch einfaches Zimmer, d. h. vier kahle Wände, anwies, wo wir mit Herrn Dr. Scholz zusammen Obdach fanden. Die Conversation war französisch. Bald waren wir höchst einfach eingerichtet und erhielten einige Besuche angesehener Europäer. Zu Mittag speisten wir en famille mit Herrn Champion, wobei die Unterhaltung italienisch war, an welche dort einheimische Umgangssprache wir uns immer mehr gewöhnen muteten. Nach Tische machten wir die Bekanntschaft eines friauler Arztes, des Herrn Dr. Morpurgo, eines sehr unterrichteten Mannes und tüchtigen Practikers, welcher unter vielen andern Sprachen auch deutsch verstand, und dessen Freundschaft uns späterhin sehr nützlich und angenehm wurde. Alle hiesigen Europäer waren in fränkischer Kleidung. — Umlegen der Pflanzen in trocknes Papier, Führung des Tagebuchs und Ordnen unserer Utensilien füllte den ersten Tag vollends aus.

Mücken und erhitzte Phantasie hatten uns wenig schlafen lassen. Morgens 4 Uhr, am 6ten September, war schon alles mit Zurüstung zu einer Excursion nach der Pompejussäule beschäftigt, welche, nach Abd-el-latif, ein Ueberbleibsel des alten alexandrinischen Akademie-Gebäudes, nach Joseph Wite's und De Sacy's critischer Untersuchung aber, des hundertsäuligen Tempels des Serapis, des Serapeum's, ist. Vor Sonnenaufgang zogen wir aus, geleitet durch den Secretair des Herrn Champion. In südlicher Richtung durchschritten wir den freien geräumigen Frankenplatz, welcher sich an das Frankenquartier schliefst und am Thore endigt. Vor dem Stadtthore, hinter welchem eine Zugbrücke den Graben bedeckt, trafen wir Herrn Dr. Morpurgo im Begriff seine Morgenvisite im Hospitale abzustatten. Da er keine dringenden Krankheitsfälle hatte, verschob er diese auf die Rückkehr und schlofs sich an uns an. Wir passirten einige von Mauern umgebene Gärten, die mit Dattelbäumen, welche halbreife Früchte trugen, gefüllt und mit Landhäusern wohlhabender Europäer versehen waren, dann gelangten wir an die grofsartige äufserste Stadtmauer. Im südlichen Abstande dieser festen Mauer von der eigentlichen Stadt könnte die ganze jetzige Stadt selbst bequem noch einmal liegen; der Umfang der Mauer aber schliefst aufser der Stadt noch 2 Dörfer, 2 Festungen und überdiefs leeren Raum für wenigstens noch dreimal so viel Cultur ein. Mit dieser unverhältnifsmäfsig grofsen äufsern Verteidigungslinie schliefst sich der jetzige Umfang Alexandriens, aber unabsehbar weit über diese Linie hinaus liegen noch die zerstreuten Schutthaufen der alten Königsstadt. Auf einem der Hügel, nicht gar weit vom äufsersten südlichen Thore, noch etwas näher am Canal, steht die Säule, welche für die Schiffahrt im Orient von hoher Wichtigkeit ist, und bei Tage die Stelle des Leuchtthurms vertritt. Schutthaufen, die zu Pococke's Zeiten, 1740, noch ansehnliche Trümmer zeigten, umgeben jetzt formlos die Säule, und südlich hinter ihr erreicht man bald den Canal selbst, dessen Ufer, bis auf wenige entfernte Gärten und Getreidefelder im Osten, jetzt kahl und dürr sind, der aber in einer frühern glücklichern Zeit üppiges Leben um sich verbreitete. Aufser einigen Steinflechten fand sich hier auch nicht eine einzige grüne Pflanze. Spuren einer versengten Vegetation waren nicht zu verkennen, und dem Schutte gelang uns nur für Zoologie einige erste Früchte des neuen Welttheils abzugewinnen. Mit dem frischesten Enthusiasmus bei reger Thätigkeit wurden von uns bis Mittag nur 4 Vögel geschossen, wenig mehr gesehen, 80 Insecten und 10 Eidechsen gesammelt . Ermüdet von der Jagd und verbrannt von der Hitze, kehrten wir am Mittag zurück, und wufsten, dafs wir uns zwar in einer fremden, aber in einer kargen Natur befanden.

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Die riesenmäfsige, 88 Fufs 6 Zoll hohe Säule, mit Kapital von 9 Fufs 3 Zoll Durchmesser, deren Schaft aus einem einzigen polirten Granitblock besteht, der in seinem gröfsten Durchmesser 8 Fufs 4 Zoll und 25 Fufs im Umfang (nach Norhi) hat, wird von den Arabern jetzt blofs Amu.de 1), von den Europäern Pompejussäule genannt. Nach einer flach eingegrabenen, sehr unleserlichen griechischen Inschrift an der Westseite des Piedestals hat ein vielleicht

1) Bei dem arabischen Schriftsteller Ab dEl la tIF heifst die Säule Amud el satari (_J,ly*Jl i_>*.+C und gerade so schreibt den Namen auch Abulfeda, welcher später lebte und als fürstlicher Gelehrter gewifs Kenntnifs von Abdellatifs Buche hatte, und daher den Namen copirt haben kann. Michaelis hat zuerst diese Worte in seiner Ausgabe des Abulfeda durch: Säule des Severus übersetzt, und Viele haben ihm nachgesprochen. Herr VOn MinUtOll berichtet, dafs die Araber diese Säule: Säule des Issanwer nennen, und läfst in Zweifel, ob man dies mit Recht nach Andern auf SeptiMius Severus (welcher durch einen Druckfehler immer Serverus heifst) deuten könne. In der Vulgär-Sprache hörten wir das Wort Issanwer nie, sondern die Araber nannten uns die Säule elAmude. Dafs Herr V. Minutoli den Namen Issanwer selbst gehört habe, geht aus seinen Worten nicht hervor, vielmehr bezieht er sich wohl auch auf jene alten arabischen Schriftsteller. Michaelis hat später (in seiner Recension der französischen Briefe von Savary über Aegypten — Orient, und exeg. Bibliothek, II. pag. 207.) seine Meinung, als bedeute das el Saeari Severus, verlassen, weil die Recensenten seines Abulfeda ihm triftige Einwendungen gemacht hatten, und besonders eine in einer Höhlung der Säule von einem Engländer gefundene Münze des Vespasian ihn bewog, sie mit jenem als Ehrendenkmal dieses Kaisers anzusehen. Er schlägt demnach vor, die Worte Amud el Savari durch columna lapidum (Säule der Steine) zu übersetzen, weil Sur «t^u Stein bezeichne, und auch die Abbildungen bei Po CO CK E und Norden eine mit Steinen ummauerte Säule darstellten. Der wichtigste Einwurf aber, welcher ihn bewog, seine frühere Erklärung unbedingt zu verlassen, war der, dafs der

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Name Severus beiAbUlFEda anders geschrieben wirklich vorkommt; er heifst da SaVares {yjSy* und (jjk/.LLw auch Savarjanes (ja/3lj.lm( (severianus). Der deutsche Uebersetzer des Abdellatif, Wahl, findet den Namen Severus nicht anstöfsig. Der sehr gelehrte dE Sacy übersetzt Abdellatifs Worte durch: colonne des piliers (Säule der Pfeiler). Dafs der Name des Severus durch Savari wiedergegeben seyn sollte, scheint auch mir ganz gegen die Art, wie das arabische Volk fremde Namen bildet, denn leicht werden wohl Endvokale zugesetzt, aber nie Endkonsonanten weggelassen. Dann aber scheint es mir auch gar zu wenig eines solchen Denkmals würdig, mit DE Sacy zu übersetzen: die Säule der Pfeiler, und diese bewundernswürdige Säule nur in Verbindung oder im Gegensatz zu den um sie befindlich gewesenen kleinen Säulen und Pfeilern zu betrachten. Wenn überhaupt das ungewöhnliche Wort Savari Säule heifst, was zu beweisen De Sacy's Gründe nicht ganz hinreichend sind, so müfste man wenigstens gewifs den Begriff Säule hier abstracter fassen, und dazu bietet die arabische Sprache wohl die Hand: Die Morgenröthe nennen die Araber im Schwünge ihres Ausdrucks Amud es Sub Stütze oder Zierde des Morgens; Gelehrte und eifrige Religionsvertheidiger haben oft den Beinamen Amud ed Din, Amud ed Uulet oder Rukn ed Dia oder Scherns ed Din, das ist: Säule der Religion, Säule der Herrschaft, Stütze der Religion und Sonne der Religion, was nur das Prädikat des Hervorragens, der Vorzüglichkeit bezeichnen soll. Zufällig wohl nannte man demnach die Säule Amud el savari; es hätte auch können Scherns el savari heifsen, Stütze oder Sonne der Säulen, oder Säule der Säulen, d. i. eine ausgezeichnet merkwürdige Säule.

Sollte aber in der Stelle der anonymen arabischen Handschrift, welche Herr DE Sacy zur Erklärung des Wortes Savari als Säulen citirt, nicht vielleicht, statt ila Savari

^.1%** SM,Zu lesen seyn (_J«U«^H dJ) ila el asvari? So würde auf eine gewifs ungezwungene Weise das Wort eine bekanntere Form und bezeichnete die Mauer. Nun kommt aber das Wort asvar auf kuphischen Münzen, nach Tychsen, auch im Sinne einer Festung vor, z. B. Siluras el asvar, was offenbar die Festung Schiras bezeichnet. Mithin könnte Amud el asvari Säule der Festung bedeuten. Asvar ist übrigens die Pluralform von Sur, und leicht konnte AßdEllatIF, etwas Ungewöhnliches im Ausdruck suchend, das

aus dein Munde des Volkes genommene Wort t_£.l»j*l Asvari oder Asavari für abbrevirt halten von al Savari (_£ OuuJl, und so könnte wohl das Wort Savari durch ihn entstanden seyn, indem er den vermeintlichen Artikel wegliefs.

Liefse sich erweisen, dafs Savari Säulen heifst, so würde ich unbedingt glauben, Amud es Savari bedeute Krone der Säulen; ist diefs nicht der Fall, so mufs man wohl Amud el Asvari übersetzen: Säule der Festung oder Säule der Burg.

Bei alexandrinischen Gelehrten haben wir uns weder in diesem noch in andern ähnlichen Fällen den geringsten verständigen Rath erholen können. Offenbar sind die gelehrten Araber, aufser für den Koran, sehr ungebildet, und nur europäischen Gelehrten, die jetzt das Arabische besser verstehen als die Araber selbst, ist die Sache zur Entscheidung vorzulegen.

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