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in einer sehr üblen Lage. Glücklicherweise kam ein Fellahh (Bauer), welcher desselben Weges zu wandern vorgab, ihn freundlich Sultan Muski r) begrüfste, sich unaufgefordert, da ihm das Tragen der Flinte versagt wurde, mit der Pflanzenbüchse belud und den Esel antreiben half. Am Abend erreichten sie im DorfeHassineen, das in der Richtung nach Cahira lag, die Hütte des Fellahhs, und alsbald bewirthete dieser den Dr. Hemprich mit Durrabrod in Büffel-Milch geweicht und mit geronnener Milch, und bereitete ihm in der fensterlosen, nur durch eine niedrige Oeffnung zugänglichen Stube seines Nilschlammhauses neben sich ein Lager. Dr. Hemprich war theils durch die von seinem Wirth ihm mitgetheilte grenzenlose Menge lästiger Thiere, theils und besonders aber durch eine Unterredung mehrerer Männer des Hauses, in welcher er wiederholt die ihm bekannten Worte katalu und mutu 2) (schlag ihn todt! bring' ihn um!) und eine Abschätzung des Werthes seiner Effecten und des Esels zu unterscheiden glaubte, die ganze Nacht hindurch schlaflos geblieben. Er hatte am Abend nicht unterlassen, den Leuten beiläufig zu erzählen, dafs er gute Waffen habe, dafs ein Freund ihm nachfolge und dafs seine Person dem Pascha bekannt sey. In den Bitten einer alten Frau an ihren Sohn glaubte er eine Verwendung zu seinen Gunsten zu bemerken. Seine unter diesen Umständen der Klugheit gemäfse Aufmerksamkeit auf die Umgebungen endete erst mit Anbruch des Tages, wo, nachdem er scheinbar verdachtlos mehrere Geldgeschenke (Bakschisch) ausgetheilt hatte, sein Wirth sich erbot, ihn bis Masr (Cahira) zu begleiten. Nach angestrengtem Marsch erreichten sie gegen Mittag Masr und das Haus des Herrn De RoSetti, damaligen Königlich Preufsischen Consular-Agenten, in welchem Dr. Hemprich eine freundliche Aufnahme fand und, nach orientalischer Sitte, sogleich als Familienmitglied behandelt und zu Tische geladen ward. Nachmittags eilte er mit dem Janitscharen des Consulats nach Bulak, um ein Logis zu miethen, welches er, durch dessen Vermittelung, für monatlich 7 spanische Piaster und 1 dergleichen Schlüsselgeld, erhielt, obwohl es nur in zwei elenden leeren Kammern ohne Glasfenster und einem finstern Magazine bestand x). Dr. Hemprich kehrte nach Cahira zurück, besuchte Herrn Champion, der während unserer Wüstenreise sein Haus von Alexandrien nach Cahira verlegt hatte, und brachte den Abend bei Herrn De Rosetti Zu. Er fand weder den Herrn General noch Herrn Professor Scholz. Ersterer war nach Oberägypten, Letzterer bereits nach Syrien abgegangen.

1) Heifst, wörtlich übersetzt, Kaiser von I\ n Island, ist aber ein scherzhaft gutmütbiger, Theilnahme bezeigender Titel der Araber für Franken. Das Frankenquartier in Cahira heifst dort el Muski (Russenstadt), und Sultan Muski soll wohl heifsen: russischer Edelmann.

2) Dieselben Worte bedeuten auch: sie schlagen ihn todt, sie bringen ihn um, und konnten Ausdruck der Besorgnifs um ihn seyn.

Während dessen rückte ich mit der Barke von Essaui nicht nur nicht weiter, sondern am zweiten Tage theilte mir der Dolmetscher die Nachricht mit, dafs der Rais (Kapitain) erfahren habe, man requirire in Cahira Schiffe zum Transport der Soldaten nach Oberägypten, und dafs er keines Falls vor Abgang der Expedition, was wohl noch acht Tage währen könne, dort einzutreffen gesonnen sey. Da der Krankheits-Zustand des Herrn Soellner gegen eine solche Zögerung viel zu empfindlich und die geringe, schon oft verlorne Hoffnung zu seiner Genesung durch diesen langen Aufenthalt auf dem in der Nacht kalten und nebligen Wasser (das Thermometer schwankte täglich zwischen 1\ bis 14° Reaumur) völlig vernichtet ward, so versuchte ich, dem Schiffskapitain Vorstellungen zu machen, und wegen des Kranken durch den Dolmetscher seine menschlichen Gefühle in Anregung zu bringen. Seine Antwort war trotzig: ich fahre nicht, und mit einem: Gott ist grofs, wandte er gegen den Kranken den Rücken. Da hinzugefügte Drohungen, wegen der absichtlichen Verzögerung die Hülfe des Gouvernements nachzusuchen und ihm das Bakschisch zu entziehen, eben so wenig fruchteten und der Scheech des nächsten Dorfes kein Soldat, sondern nur ein Fellahh war, der weder Respect noch wahrscheinlich guten "Willen hatte, mir zu Hülfe zu kommen, so beschlofs ich, den Dolmetscher ohne Verzug mit einem Briefe nach Cahira zu senden und dem Freunde Nachricht von meiner mifslichen Lage zu geben.

1) Das sind 16 Fl. Später erfuhren wir, dafs dergleichen Wohnungen mit 1—2 span. Piaster (2—4 Fl.) vermiethet werden, und zogen in ein anderes Quartier.

Am 29sten Januar, um 12 Uhr Mittags, ging der Dolmetscher ab und ihn begleiteten zwei andere Passagiere des Schiffs, ein Einwohner aus Fuah und ein arabisch-griechischer Christ, welche sich ebenfalls rücksichtlich ihres Contracts betrogen sahen und längerem Aufenthalt entgehen wollten.

Obwohl der Kapitain, durch Absendung des Briefes etwas in Sorge gesetzt, täglich um einige hundert Schritt vorwärts fuhr, so waren wir doch nach fünf Tagen nur wenige Meilen, nur bis zwischen Beni Selami und "Wardan vorgerückt . An nährende Fleischspeisen war in dieser Zeit, wo ich wegen der beständigen Unruhe und des hülfsbedürftigen Zustandes des Kranken mich gar nicht von ihm entfernen konnte, und durch Absenden des Dolmetschers oder Arabers in entfernte Ortschaften nicht selbst noch Anlafs zu Aufenthalt geben durfte, so wenig als an einen Augenblick körperlicher und geistiger Ruhe zu denken. Der auf eine Fahrt von 5—6 Tagen berechnete Proviant, besonders auch der Kaffeeund Zuckervorrath, das einfachste Stärkungsmittel, waren zu Ende, und ich hatte nur noch etwas Thee ohne Zucker und hartes Durrabrod. Für den Kranken sparte ich ein wenig Reis zu einer leichten Suppe auf. So sah ich mitten in dem überreichen Aegypten hungernd und ängstlich dem Fortrücken des Schiffes und der Hülfe entgegen, die mir durch Dr. Hemprich aus Cahira kommen sollte. Soellners Auflösung war täglich zu erwarten.

Dr. Hemprich hatte am 30sten in Cahira den italienischen Koch des Herrn Consuls Rosetti, einen leidenschaftlichen Jäger1), auf einer Jagd auf Wasservögel begleitet, und am 31sten hatte ihm der Dolmetscher den Brief übergeben. Er traf sogleich Anstalten, mir zu Hülfe zu kommen, nahm den Schauisch x) des Consulats und einen Kauafs 2) der Douane, kaufte etwas Brod und gebratenes Fleisch und kam mir entgegen. Am 2ten Februar Nachmittags, am I1ten Tagenach unserer Abfahrt von Alexandrien, trafen wir zwischen Beni Seiami und Wardan zusammen, und es bedurfte nur des Erscheinens und des Wortes des Schauisch, um sogleich zu bewirken, dafs die Schiffer zwei Segel aufzogen und wir, den übrigen Theil des Tages und die Nacht hindurch fortsegelnd, Morgens 3 Uhr vor dem Divan in Bulak anlegen konnten.

1) Derselbe Vincenzo, welchen wir später als Jäger engagirten und der auf unserer Reise nach Dongala bei Assuan im Nil ertrank.

Nachdem wir in diesem Vorwärtseilen beim Dorfe Wardan den schönsten aller bis dahin vorgekommenen Dattelwälder passirt hatten, in geringer südlicher Entfernung von jenem Orte, traten am fernen Südwesthorizonte wie blaue Berge und nur eben als matter Kern des reinen Himmels die Pyramiden hervor, von denen uns noch vier geographische Meilen trennten. Allmälig erkannten wir gegen Sonnenuntergang südöstlich das Mokattamgebirge und die Citadelle bei Cahira, und dann überzog der Schleier des Abends die grofsartigen geheimnifsvollen Bilder dieser neuen Umgebung, während uns der frische Nordwind, durch den batn el bahhr 3), immer näher an das Herz Aegyptens, und nach Mitternacht an Bulak, die Vorstadt von Masr el Cahira, führte.

1) Schauisch oder Janitschar heifsen die (gewöhnlich zwei) türkischen Soldaten, welche im Dienste der Consulate sind und vom Gouvernement dazu autorisirt werden. Sie sind die Executoren der polizeilichen Consulatsgeschäfte, und bei Audienzen und andern Förmlichkeiten der Consulate die Ehrenwache. Sie tragen Stöcke mit silbernen Knöpfen.

2) Kauafs oder Kawafs heifsen die ähnlichen, oft aber nicht militairischen Personen, welche beim Divan (Zollamt) dienen und geringeren Rang haben.

3) Batn el bahhr, Bauch des Flusses, heifst die Stelle, wo sich der Nil in die beiden Arme theilt, welche das Delta bilden. Er ist hier sehr breit und tief, hat eine stärkere Strömung, und bei starkem Nordwinde findet man hohe Wellen, die den Schiffen, wegen der Sandbänke, oft gefährlich werden. Bei manchen Schriftstellern heifst der Ort batn el b akara, Kuhbaucb, allein ich hörte deutlich die obige Pronuntiation und halte die andere für mifsverstanden oder aus jener gebildet, wie dergleichen qui pro quo's im gemeinen Leben nirgends fehlen.

Gedruckt bei A. W. Schade in Berlin.

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