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aber vom europäischen rothen Klee nur wenig unterschieden und häufig durch die europäische gemeine Flachsseide (Cuscuta europaea) zusammengewirrt. Flachs, Hanf, Senf, Sauerampfer, Knöterich, Vogelmiere, Gänsedistel, bildeten Unkraut; diefs und die Hauptmasse des Grases waren die vaterländischen Arten, und unwillig warf ich die deutsche Nessel zu Boden, die mich in Aegypten brannte. — Von Vögeln hatte ich einen gemeinen Sperlingskautz, einige blaue Feldtauben, eine Mantelkrähe und eine Blauracke mit nur Einem ägyptischen Vogel, dem Charadrius aegyptiacus, erbeutet . Von Crocodilen war nichts zu sehen. Der gröfste aller gesehenen Schmetterlinge, den ich nach vieler Anstrengung bei der brennenden Hitze des Nachmittags endlich im Laufe fing, war der Distelvogel (Papi/io cardui). Im Büffeldünger fanden sich einige den europäischen Formen sehr ähnliche Kopriden.

Nach meiner Rückkehr ging Dr. Hemprich noch etwas ans Land, während ich den Kranken besorgte. Er war so wenig befriedigt als ich selbst, da er, eine wenigstens doch etwas ansprechende afrikanisch belebte Flur erwartend, die Klee- und Saatfelder sich in ermüdend lange Ebenen ausdehnen sah und nur an Schutthaufen ähnlichen Dörfern in der Ferne einzelne Palmen erblickte, oder am Nil Tamariskengesträuch und dorniges, blüthenloses und fast blattloses Acaciengestrüpp fand.

So wenig der erste Total-Eindruck der Vegetation und der gesammten Natur am Nil uns befriedigt und nur erfreut hatte, so freudig und erhebend war der Anblick des unter uns fortwallenden mächtigen Stromes, der, trotz seiner schmutzig gelben Farbe, ein köstliches Trinkwasser bot. Bei 'diesem Widerspruch und Kampfe der Gefühle wurde mir anschaulich, dafs die Orientalen und Occidentalen, welche Beide im Lobe des Nilthals übereinstimmen, doch im Grunde von so ganz ungleichen Ideen ausgehen. Unmöglich kann ein Europäer, der aus den grünen Auen der nördlichen gemässigten Zone plötzlich das Nilthal betritt, durch jene Natur in Enthusiasmus versetzt werden, und um so weniger, je geringer seine specielle Naturkenntnifs bei einer vorurtheilsfreien Betrachtung ist. Grofse Strecken von Culturland mit üppigem Saatenwuchs, dessen Ertrag bedeutenden Vortheil bringt, ist ein angenehmes Bild und mag wohl zum Lobe anregen können; aber welcher Europäer würde, um üppige Klee- und Weitzenfelder zu sehen, nach Aegypten reisen, und wenn er sie dort sieht, sich für die Mühe der Reise belohnt und begeistert fühlen? Die Palmengruppen und die Formen der nackten schwarzbraunen Araber können wohl die Phantasie eines Europäers eine Zeit lang beschäftigen, aber die Eigenthümlichkeit der Vegetation ist zu wenig überraschend, als dafs sie begeistern könnte, und für den eigenthümlichen Lokal-Werth und die Bedeutung des Nils hat der keinen Sinn, welcher nie Mangel an Wasser litt.

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Die Meisten der den Orient besuchenden Europäer werden durch die in ihrer Jugend ihnen vorgetragenen geschichtlichen Erinnerungen und durch die riesenhaften Denkmäler einer unbekannten Vorzeit bestochen, vor denen die höchste neueste Kraft der bildenden Kunst mit Ehrfurcht steht. Diese und die Fruchtbarkeit des Landes im vielfachen Ertrag der Saaten, sammt etwa dem sonderbaren Steigen und Fallen des Nilstroms und die Einflufslosigkeit des Winters auf das Säen und Ernten, sind die Triebfedern zur Begeisterung des Europäers.

Der Araber aber schwelgt nicht im Anschauen des üppigen Grases, der üppigen Saaten oder der Dattelpalmen, hat keinen Begriff vom Wechsel der Jahreszeiten und kümmert sich wenig um die von den Ungläubigen mit Hülfe des Teufels erbauten Thürme, aber er schwelgt im Anblick des trinkbaren lebendigen Wassers, dessen Mangel Tod verbreitet, dessen Fülle Leben, Frucht und Freude bringt. Das dem Nomaden so kärglich zugemessene Trinkwasser, dessen Oberfläche zu sehen die Tiefe der Brunnen selten erlaubt, sieht er hier in unübersehbarer Menge lebendig fliefsen, und er sitzt an seinem lebendigen Nil gefühlvoller, als der Reiche an seinem todten Geldkasten, und ruft dem Fremdling zu: Schau' diesen kostbaren Reichthum! Hast auch Du so einen Nil? Mit Unrecht deutet der Frank diesen oft erschallenden Ausbruch des Gefühls der Aegyptier: Hast auch Du so einen Nil? auf den Ertrag der Felder und blickt bejahend über das ihm werthlose Wasser hinweg nur in die üppigen Fluren. Dahingegen wie der Reiche, des Vorraths sich bewufst, sorglos schlummert und beim nahenden Bedürfnifs nur in seinen vollen Kasten greift, um befriedigt zu werden, so überläfst sich der Araber am Nil der sorglosen Ruhe, bis ihn das Bedürfnifs weckt, dann schöpft er aus seinem übervollen unerschöpflichen Nile das Leben schaffende Wasser aufs nahe Land, und als Sclaven seines Willens keimen und reifen ihm zu jeder beliebigen Zeit die üppigsten Saaten.

Gewifs ist es unnöthig hinzuzufügen, dafs, wie überall so auch hier, die dem Menschen aufgedrungenen, oder durch ein Streben nach Wissenschaft, Ruhe und Bequemlichkeit von ihm selbst hervorgerufenen, politischen Systeme die Poesie des Lebens nur selten noch durchblicken lassen. Mit Gewalt hat Mehemed Ali sich angemafst, die Feldbebauer am Nil vor Contributionen der Mameluken und den Einfällen der Nomaden zu schützen, und die Schützlinge gewannen dadurch eine phlegmatische Ruhe und verloren das freie Benutzungs-Recht ihrer Länder am Nil, mehr als ihnen je die Mameluken und an Kraft bei weitem schwächern Nomaden rauben konnten.

Im vielfältigen Umgang mit Arabern und in manchem vertraulichen Gespräche mit den Hellsehendem unter ihnen haben sich mir jene Ideen bestätigt, die wohl zur Begeisterung führen, und ich kehre nun zur Reise zurück.

Nach Sonnenuntergang segelten wir noch quer über den Nil, und brachten die Nacht vor dem Städtchen Fuah zu. Bis zum 2Ssten Januar fuhren wir langsam stromaufwärts weiter. Baumwollenpflanzungen, Limonengärten, Dattelwälder, Dörfer und Zuckerplantagen wechselten allmälig sparsam mit den Saatfeldern ab, und machten nur wegen zu grofser Zwischenräume und zu geringer Variation nicht den starken Eindruck auf uns, den wir erwartet hatten. Häufige Fahrzeuge belebten den Nil. Bald fuhren wir mit dem Segel, bald ward das Schiff von singenden, ganz nackten Arabern gezogen, und bei jedem Haltpunkte vermehrte sich unsre Kenntnifs und Sammlung der ägyptischen Naturkörper in gleichem Maafse, in welchem immer neue Gruppen und Sitten der Landesbewohner unsere Aufmerksamkeit erregten. Leider aber waren die Verhältnisse, in denen wir uns befanden, sehr ungünstig. Der Schiffskapitain An Barschumi war, so wie sein Secondo, ein eifriger Muselmann und gegen uns kalt und ungefällig. Dazu kam, dafs mit diesem Schiffe ein wohlhabender Europäer vor Kurzem eine Reise nach Oberägypten gemacht und den Kapitain von Zeit zu Zeit reichlich beschenkt hatte, weshalb dieser uns nicht undeutlich zu verstehen gab, dafs er sich dergleichen auch von uns versehe. Wir hielten aber für zweckmäfsig, unsere zu wissenschaftlichen Zwecken bestimmten Geldmittel etwas sparsamer zu verwalten, und für klüger, erst seine Bereitwilligkeit, uns gefällig zu seyn, abzuwarten und ihn auf Belohnung dieser Gefälligkeit am Ende der Reise zu verweisen, indem wir wohl mit Recht fürchteten, dafs er schwerlich zufrieden zu stellen seyn möchte. So fand keine Annäherung statt, was uns, die wir das Schiff, ohne es ganz gemiethet zu haben, nicht befehligen konnten, vielen Verdrufs machte, obwohl wir den stolzen und habgierigen Alten in einiger Entfernung hielten. Seine Bosheit, die unmittelbar an uns selbst auszuüben er gegründetes Bedenken trug, ging so weit, dafs er, als am 26sten unser Dolmetscher, nach genommener Rücksprache mit ihm, in ein Dorf gegangen war, um wo möglich einige Eier und Tauben zu einer Suppe für den Kranken zu kaufen, er, ohne ihn zu erwarten, abfuhr und denselben nöthigte, fast eine Stunde Weges hinter der Barke her zu laufen.

Ueberdiefs war der Zustand des Kranken gleichförmig hoffnungslos, und da wir wegen engen Zusammenseyns mit demselben uns nicht in seine Pflege theilen konnten, sondern immer Beide, wie er, die Nacht schlaflos zubrachten, so waren auch wir sehr verstimmt und abgemattet. Eine unbeschreibliche Menge blutsaugen

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der Insecten, die uns von allen Seiten umkrochen, umsprangen und umflogen, und nicht einmal naturgeschichtlich merkwürdige neue Arten, die wir gern ertragen hätten, sondern die allergemeinsten Begleiter des Schmutzes und der Bettelei aus Europa r) waren, vollendeten das Unangenehme jener Gegenwart. Gern willigte ich in des Freundes muthigen Vorschlag, dafs er nach Cahira zu Lande vorauseilen und daselbst ein Logis für uns aufsuchen wolle, um den Kranken bei unserer Ankunft alsbald unter ein Obdach zu bringen und wegen der Effecten weniger Aufenthalt zu haben. Wir befanden uns am DorfeEssaui, und da wir den in Siwa gekauften Esel bei uns auf der Barke hatten, so ritt Dr. Hemprich mit einem Araber des Dorfes als Führer und mit Doppelflinte, Pistolen und Pflanzenbüchse versehen nach dem noch sehr entfernten Cahira voraus. Nachdem sie sich im nahen Städtchen Achmun mit frischem Brod und Datteln versorgt hatten, trabten sie rasch weiter und gelangten gegen 4 Uhr Nachmittags an die Spitze des Nil-Deltas. Zwar wollte der Araber seine Bezahlung voraus haben, allein Dr. Hemprich hatte die Vorsicht gebraucht, die Hälfte derselben zurückzubehalten bis zur Ankunft in Bulak. Bei der Ankunft am Nil, dessen Breite das jenseitige Ufer nicht deutlich unterscheiden liefs, erklärte der Araber, dafs nun hier gegenüber Bulak liege, dafs der Contract mithin zu Ende sey und er nun mit seiner Bezahlung umkehren wolle, um vor Abend noch nach Hause zu kommen. Er führte den Dr. Hemprich Zu einer Barke, auf der er das andre Ufer gewinnen könne, liefs sich das rückständige Geld auszahlen und entfernte sich. Dr. Hemprich, der nur wenig von dem verstand, was der Araber ihm weitläufig vorsagte, liefs sich, nichts Arges wähnend, mit dem müden Esel überfahren, und erfuhr erst am andern Ufer, dessen Gewinnung er theuer bezahlen mufste, dafs Bulak nicht weniger als noch eine starke halbe Tagereise entfernt sey. Der arabischen Sprache nicht mächtig, ohne Dolmetscher, nahe am Abend, unter treulosen Arabern und ganz allein, befand er sich

1) Cimex leclularius; Pediculus Hominis; Pulex irritans; Culex pipiens.

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