Imagens da página
PDF

grenzenden Saale und einen Araber zur Bedienung, indem diese jederzeit dazu willig sind, sobald sie nur bezahlt werden. Tages vorher hatten wir unsern kranken Gehülfen in eine kleine Stube unter dem grofsen Eingange dieser Abtheilung des Hospitals verlegt, damit, während Einer von uns abwechselnd des Nachts bei ihm war, der Andere schlafen und sich erholen konnte. Diese Trennung war jetzt deshalb sehr unangenehm, weil wir den des Nachts nicht aus dem Schlafe zu weckenden, am Tage aber zur Aufwartung bestimmten Araber nun nicht mehr unter genauester Aufsicht haben konnten, und obwohl wir bei gehöriger Vorsicht, nach Dr. MorPurgo's erfahrner Aussage, die nur durch Berührung mittheilbare böse Krankheit selbst in solcher Nähe nicht zu fürchten hatten, so reichte doch die von uns selbst für uns allein angewendete Vorsicht nicht hin, uns sicher zu stellen. Die arabischen Bedienten waren, wie wir hörten, häufig in der Stadt die Vermittler zu dieser Krankheit gewesen, und ihren Leichtsinn und Fatalismus hatten wir um so mehr zu fürchten, je mehr wir mit pestleitenden Körpern, als Baumwolle, Werg und dergleichen, umgeben und beschäftigt waren.

Bis zum 23sten (binnen vier Tagen) belief sich die Zahl der angekommenen Pestkranken auf sieben, von denen bis eben dahin fünf neben uns starben, einer etwas Hoffnung gewährte und einer neu angekommen war. Da die Zahl der Pestfälle in der Stadt, besonders unter den Eingebornen, noch immer stieg, so mufsten wir uns nach einem andern Aufenthaltsorte umsehen. Herr Consul Buccianti war so gefällig, uns das nach Herrn Prof. LiMan's Tode leer gewordene kleine Zimmer seines Hauses für unsere Personen anzubieten, während wir für unsere Effecten ein Magazin mietheten.

Am 24sten December räumten wir das Hospital den überhandnehmenden Pestkranken ein und zogen zu Hrn. Buccianti in die Stadt. Unsern Kranken, Herrn So Ellner, nahm Herr Dr. MorPurgo in die andere Abtheilung des Hospitals auf, und versprach, für seine beste Pflege zu sorgen, was er auch that. Uns hielt man im Hause des Herrn Buccianti in Quarantaine, und alle Europäer enthielten sich der Berührung selbst ihrer Freunde. Auf den Straften gingen alle Franken, die noch nicht sich völlig einzuschliefsen vorzogen, mit Stöcken, die sie den unvorsichtig in ihre Nähe Kommenden, um jede Berührung mit ihnen zu vermeiden, bis sie vorüber waren, entgegenhielten, welches Verfahren auf Fremde, denen es einen feindseligen Character zu haben scheint, einen ganz eigenthümlichen Eindruck macht .

[graphic]

Unser Aufenthalt in Alexandrien war noch durch zwei Umstände bedingt. Einmal erwarteten wir baares Geld und ReiseUtensilien aus Triest, und zweitens rieth man uns, die Eröffnung des Kanals bei Fua abzuwarten, dessen Eingang vom Nil daselbst während der Dauer des hohen Nilstandes, zur bessern Erhaltung des Kanals, damals verschüttet zu werden pflegte, und bei dessen Schlufs es nöthig war, die Effecten aus den Barken des Kanals auf die des Nils überzuladen, was kostspielig und für die Effecten vielfach verderblich war. Am 7ten Januar 1821 ward in Alexandrien bekannt, dafs man am 12ten den Kanal öffnen werde. Um die für unsern Zweck allein günstige Jahreszeit des Frühlings für Oberägypten zu gewinnen, entschlossen wir uns, mit dem ersten Schiffe nach Cahira abzugehen, und beeilten unsre Zurüstungen, bei denen wir uns freilich der Gefahr der Pest-Ansteckung vielfach aussetzen mufsten. Ein endlich mit einem Schiffe aus Triest angekommner Brief brachte uns die Anzeige der bereits abgegangenen Geldsendung. Die Eröffnung des Kanals verzögerte sich bis zum 20sten Januar, und ohne jene Sendung erhalten zu haben, schifften wir uns, um der Pest zu entgehen, am 21sten ein.

Wir hielten für zweckmäfsig, unsern Kranken, dessen nervöses schleichendes Fieber in Alexandrien keine Hoffnung zur Genesung liefs, mit uns nach Cahira zu nehmen, und hofften, durch den Wechsel der atmosphärischen Verhältnisse, eine Umänderung zum Guten zu erreichen, die durch Diät und Medicin in Alexandrien bisher unerreicht geblieben war. Er selbst wünschte sehnlichst, mit uns

[ocr errors]

zu gehen, und wenn irgend Lebenskraft vorhanden war, so konnte diese durch den gedachten Wechsel der Verhältnisse nur geweckt und genährt werden. Dr. Morpurgo war ganz unsrer Meinung und bestätigte uns.dafs die Atmosphäre von Cahira den Europäern weit besser zusage als die von Alexandrien.— Aufser dem Kranken bestand unsere Gesellschaft wieder in jenem Syrer als Dolmetscher und einem Araber, Namens Ramadan, der das Kochen besorgen sollte, allein bei der Abreise fand sich auch noch ein Franzos, welcher als Koch sein Glück im Orient suchte, und auf unserer Barke frei nach Cahira zu kommen wünschte.

Wir hatten für uns und unsre Kisten auf der Maasch x) des Rais An Barschumi 2) die durch einen Verschlag in zwei Kammern getheilte Kajüte und den Hinterraum der Barke bis an den Hauptmast für die Reise bis Cahira mit 300 ägyptischen Piastern (50 Fl.) gemiethet. Aus Mangel an mehreren Kameelen zum Transport unserer Kisten bis an den Kanal mufsten Esel zu Hülfe genommen werden, deren jeder für eine Last mit |—1 ägyptischen Piaster (etwa 2£ Silbergroschen) gedungen ward. Der Ort der Einschiffung war damals £ Stunde von der äufsersten Stadtmauer Alexandriens gegen Süden gelegen, in der Richtung der Pompejussäule, und hiefs el Kalihs 3). Unsre Vorräthe von Pulver, Weingeist und Wein, theils zum eignen Gebrauch, theils zu Geschenken bestimmt, machten noch einige Schwierigkeiten von Seiten des Zollamts, allein eine Versicherung des Consulats, dafs wir diese Effecten zum Bedarf der Reise ohne Handelsspeculation bei uns führten, war hinreichend, uns sowohl durch ein Teskere (Erlaubnifsschein) von allen Abga1) Maasch (wohl von maschi sJwUo gehen abgeleitet, Fahrzeug) heilst man die grofsen Nilbarken, welche Kajüten haben, aber zu grofs zum Rudern sind.

2) Rais ist der Titel des Schiffskapitains; Ali sein Name; Barschumi bezeichnet seinen Geburtsort: Kapitain Ali von Barschume.

3) Damals war der Kanal noch nicht weiter vollendet. Seit dem Jahre 1823 ist der KinschiiTungsplatz nicht mehr auf der Südseite, sondern auf der Westseite Alexandriens, ziemlich nahe an der Stadtmauer.

ben frei zu lassen, als auch unserer Einschiffung in das Innere des Landes weiter keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Gern reichten wir, auf Anrathen des Dolmetschers vom Consulat, den gefälligen, rasch entscheidenden Beamten des Divans (Douane) ein Trinkgeld, was sie nicht verlangten und nicht zurückwiesen.

Am 22sten waren wir noch mit Einschiffen unsrer mannigfachen Effecten und deren Ordnen im Schiff beschäftigt. Am Abend nahmen wir Abschied von den alexandrinischen Freunden.

Am 23sten Morgens holte ich mit dem Dolmetscher und zwei Arabern den Kranken auf einem dazu vorbereiteten Tragsessel aus dem Hospitale, fand ihn aber, im Verhältnifs zum gestrigen Tage, sehr verändert und in einem wenig Hoffnung gebenden Zustande. Zu dem abzehrenden Nervenfieber, welches bereits Schlucken, Flokkenlesen und Delirien x) in seiner Begleitung hatte, war noch seit gestern ohne deutliche Veranlassung ein heftiger Katarrh mit Diarrhöe hinzugetreten. Von unserer auf heute festgesetzten Abreise unterrichtet, schien er gezweifelt zu haben, ob wir ihn wohl mit uns nehmen würden, und diese heftige Gemüthsunruhe mochte vielen Antheil an der Verschlimmerung gehabt haben. Die Ueberzeugung, dafs ich gekommen sei, ihn mit mir zu nehmen, wirkte augenblicklich wunderbar stärkend auf ihn ein; er nannte mich einen Engel zu seiner Rettung und sprach mit völligem klaren Bewußtsein, allein am Abend kehrten die Delirien wieder.

Gegen 2 Uhr segelten wir mit schwachem aber günstigem Nordwestwinde bei heiterm Wetter ab. Um 7 Uhr Abends liefs der Rais im Kanal anlegen, um die Nacht hindurch daselbst zu verweilen.

So waren wir denn nun endlich auf dem Wege zum Nil, nach dessen grünen lebensreichen Ufern wir in Afrika schon fünf Monate lang geschmachtet hatten.

1) Krankheits-Symptome, welche bei uns den nahen Tod verkünden, im Orient aber, wie wir später mehrfach erfuhren, weit leichter erscheinen und nicht schon alle Hoffnung zur Genesung benehmen.

Noch vor Abend des folgenden Tages war der Eingang des Kanals in den Nil erreicht und endlich stand die Barke am Ufer des Stromes still. Schon im Voraus mit allerlei Jagd- und Vertheidigungs-Apparaten versehen, hatte ich bald mit einem Sprunge das grüne Land gewonnen, während der Freund bei dem Kranken blieb.

Mit Enthusiasmus sprechen alle Schriftsteller von dem üppigen Nilthal, und mit hoher Begeisterung hatten uns oft die Araber der Wüste vom Nil gesprochen, und Berg T) und Nil war bei ihnen Gegensatz wie arm und reich, wie Leben und Tod. Mit welcher Empfindung ein Naturforscher aus der Wüste in deren Gegensatz tritt, mit welcher Sehnsucht er seinem ersten Erscheinen entgegengesehen haben mochte, vermag Jeder zu beurtheilen, dem für irgend eine Sache das Blut rascher in den Adern rollt. Vor meiner Seele schwebten Palmenwälder und grofsblüthige Lianen (die Ipomoea palmata); die Baumwollen-, Zucker- und Colocasia-Pflanzungen; die Lotus-Blumen, die Sesamfelder, die Bananen- und SycomorusBäume, die wohlriechenden Acacien-Wälder; die Papyrus-Stauden als Schilf am Nilesrande und auf sandigem Nilesufer sich sonnende Crocodile mit dem Ichneumon und der Ibis in unzählbaren Schwärmen über dem Haupte vor der Sonne seine Kreise ziehend, und unter all dieses Bekannte und für die Bildungsgeschichte des menschlichen Geistes so Wichtige malte sich die Phantasie noch viel Unbekanntes, und alle Fiebern des Körpers waren in der höchsten freudigsten Spannung, als ich den Boden des Nilthals betrat.

Anders, ganz anders fand ich den Nil. Nachdem ich eine Stunde lang in unabsehbaren üppig emporkeimenden Kleefeldern umhergewandert war, kehrte ich von dieser ersten Excursion mit einem Händchen voll meist europäischer Pflanzenarten, ein paar europäischen Vögeln und Insecten ermüdet und traurig wieder. Der Klee war zwar eine ägyptische Pflanze (Trifolium alexandrinum),

1) Berg (fielet) nennen die Beduinen häufig die Wüste, welche sie bewohnen, weil sie höher liegt als das Nilthal; Sahara ist der allgemeine Name für Wüste.

« AnteriorContinuar »