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Beduinen hatten sehen lassen, die sie selbst Räuber nannten, welche gewifs die Absicht gehabt hätten, uns zu überfallen.

Unser Patient brachte heut wieder Geschenke, etwas Kameelmilch und ein Dutzend Datteln, und verlangte dagegen einen Kaffee, ein Schnupfluch und die Milchschaale voll Reis. Dieser Zug ist für Araber sehr bezeichnend, und ist uns oft wieder vorgekommen. Das erste Mal hatten wir sein Milchgeschenk mit etwas Reis aufgewogen, und diefs war schon hinreichender Grund für ihn, es heut zu verlangen, und der einen Forderung sogleich noch ein paar andere anzuknüpfen. "Wir liefsen ihn mit uns Kaffee trinken und gaben ihm etwas Reis, verbaten uns aber seine weiteren Geschenke. Eine Anzahl anderer Patienten beiderlei Geschlechts, die sich heut einstellten, und deren Krankheiten alle chronisch und nicht lebensgefährlich waren, sahen wir uns genöthigt leicht abzufertigen, weil zu besorgen stand, dafs man uns Tag und Nacht heimsuchen werde.

Am 12ten November machten unsere Araber einen neuen Angriff auf unsere Festigkeit. Sie erneuerten die früheren Vorstellungen und gestanden uns, dafs sie aus guter Quelle wüfsten, dafs die Antwort von Derna gewifs gar nicht oder nur sehr spät eintreffen werde. Der Beg von Derna sey über die Ankunft unserer militairischen Caravane sehr bestürzt, und habe deshalb um Verhaltungsbefehle an den Pascha von Tripolis geschrieben, von wo die Antwort zu uns erst in 40 Tagen kommen könne. Wir fertigten sie zwar mit dem alten Bescheid ab, hielten aber unter uns eine Berathung über unser Verhältnifs.

Ich und Dr. Hemprich waren in einem guten Theile unserer Hoffnungen getäuscht, da wir den naturhistorischen Character der Gegenden sich, selbst mit dem Katabathmus magnus, wenig ändern sahen, und der, also höchst wahrscheinlich auch für die Cyrenaica, allein fruchtbare Frühling noch ziemlich fern lag. Unser kleines, durch Transport und Stürme schon sehr beschädigtes Zelt gewährte vor Wind und Regen des nahen Winters ein schlechtes Obdach. Die Bekleidung des Herrn Prof. Liman war gar nicht auf den nafskalten Winter berechnet. Es war höchst wahrscheinlich, dafs wir auf den Creditbrief des Herrn Generals in Ben Ghasi oder Derna kein Geld erhalten würden, und dafs im besten Falle die fanatischen oder habsüchtigen Araber dort, wo das Ansehen Mehemed Ali's keinen Einflufs hat, uns wegen vorgeeilten Gerüchts im Sammeln und Beobachten sehr hinderlich werden würden. Endlich konnten wir aus mehrseitigen Nachrichten nicht zweifeln, dafs wirklich unsere Gesellschaft das Mifstrauen des Commandanten der Cyrenaica aufgeregt habe, und wir durften die Vorstellung unseres Scheech's, dafs jener Commandant nach Tripolis berichtet habe, und wir vor Ankunft seiner Verhaltungsbefehle nicht auf Antwort auf unsere Briefe rechnen könnten, mithin wenigstens 40 Tage an der Grenze mitten in der Wüste zu warten haben würden, nicht aufser Acht lassen. Von den 100 Tagen unseres mit den Beduinen abgeschlossenen Accords waren bereits 37 abgelaufen, und wenigstens eben so viel mufsten wir auf den Rückweg rechnen, im Fall eine ungünstige Antwort von Derna einging; diefs hätte, selbst ohne absichtliche Verzögerung der Beduinen, die gewifs nicht ausblieb, mit den 40 Wartetagen 114 Tage betragen, und unser Contract wäre demnach wenigstens 14 Tagereisen vor Alexandrien, also mitten in der Wüste abgelaufen, was uns dann ganz der Willkühr dieser Menschen nach allem Rechte Preis gegeben hätte. Wollten wir also nicht grofse Summen für unsere Auslösung, selbst bei einem ungünstigen Resultate riskiren, so war mit der bestimmten Ausmittelung einer so langen Verzögerung die Pflicht zur Rückkehr gegeben.

Um aber alles gethan zu haben, was noch mit Ueberlegung zweckmäfsig schien und aus Liebe zu dem schon mit so vielen Beschwerden und mancherlei Gefahren verfolgten Plane machten wir unseren noch standhaften Gefährten folgenden von ihnen auch angenommenen Vorschlag.

Wir wollten gleich morgenden Tages von hier aufbrechen und in Eilmärschen nach Siwa gehen, um wo möglich dort den Herrn General noch zu ereilen. Fänden wir den Herrn General, der wegen der Antiquitäten sich höchst wahrscheinlich daselbst aufhalte, so wollten wir ihn ersuchen, seine Geld-Anweisung, die er an den türkischen Gouverneur von Siwa hatte, für uns zu realisiren, und uns so mit baarem Gelde zu versehen. Im Beduinenlager bei Kasr eschdaebie sollte für den von Der na herkommenden Boten die Nachricht zurückbleiben, dafs, wenn er oder ein anderer Beduin uns binnen 14 Tagen, von unserem Abmarsch an gerechnet, günstigen Bescheid nach Siwa brächte, wir ihm aufser dem gewöhnlichen Bakschisch (Trinkgeld) noch ein aufserordentliches von 20 Collonaten (60 Fl.) zusicherten. Träfe uns nun, die wir uns indefs mit Geld, mehr Mänteln und wo möglich einem zweiten und besseren Zelte versehen hätten, der Bote dort noch an, so könnten wir mit weit mehr Sicherheit des Erfolgs, die zwar längere und beschwerliche, aber auch interessante Reise über Augila antreten. Wir verhehlten uns nicht, dafs dieser Plan eine üble Kehrseite habe, indem durch diefs Verfahren wahrscheinlich sowohl unsere Beduinen erführen, dafs wir Geld mit uns hätten, als auch zu erwarten stand, dafs sich das Gerücht in Siwa verbreiten und uns voreilen werde.

Der Vorschlag ward dessen ungeachtet angenommen. Heimliches Betreiben unserer Angelegenheit und Anschlagen des Zutrauens geheimer überlegener Kräfte, welches die Araber uns überall gezeigt hatten, gaben uns Hoffnung des [Gelingens. Den folgenden Tag sollten die Anstalten zur Abreise getroffen werden.

Der Chef der nahen Araberhorde fragte heut bei uns an, ob wir der Tribus nicht auf ein paar Tage einige Nahrungsmittel leihen könnten, indem er stündlich seine Caravane aus Alexandrien zurück erwarte. Gar zu deutlich bemerkten wir aber, dafs diefs von unseren verschmitzten Arabern angestiftet war, um uns von der Unmöglichkeit zu überzeugen, dafs sie hier Victualien für sich auffinden könnten.

Unser Gefährte, Herr Dr. Scholz, verhandelte heut wieder viel mit den Religionshäuptern der Araber-Tribus, tauschte ManuScripte von ihnen ein, und brachte uns durch seinen sorglosen Eifer nahe an eine grofse Gefahr. Ein alter, sehr frommer Scheech mit silberweifsem Barte interessirte sich viel dafür, dafs ein Christ wie Herr Scholz geläufig seinen Koran lesen könne und doch ein Christ sey, und war begierig, dessen gedruckte arabische Bücher (er hatte einige mit sich) kennen zu lernen. Unglücklicherweise hatte Herr Scholz ein christliches arabisches Buch hervorgezogen, und seinen unschuldigen Anfang dem Scheech zu lesen gegeben, welcher aber weiter las, und bald auf einige Ausfälle gegen die Muhamedaner stiefs, die als Ungläubige und Heiden bezeichnet waren. Der alte Mann war ganz entrüstet und stiefs Flüche gegen die Christen aus, und, um die anstöfsige Scene noch zu erhöhen, kam gerade der bis dahin abwesend gewesene Dolmetscher, ein unbesonnener junger Mensch (und syrischer Christ) hinzu, und lachte laut auf, als ihm der Scheech die gelesenen Schimpfwörter mittheilte. Die Wuth des Alten brach zunächst darin aus, dafs er mit Steinen nach dem Dolmetscher warf, und sich im fortwährenden Ergufs von Flüchen über die Christenhunde entfernte. Die "Wirkung dieser unglücklichen Scene war im Voraus nicht zu berechnen, und wenn sie auch für den Augenblick keine gröfsere war, so hatten wir als Beleidiger der Religion jetzt einen weit schwierigeren Stand und wenigstens an dieser Tribus gewifs keinen Rückhalt mehr.

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Unsere Beduinen hielten häufige Versammlungen und zogen sich immer mehr von uns zurück.

Dr. Hemprich litt schon seit unserer Ankunft in Aegypten häufig an Zahnschmerz, und in diesen Tagen machte ihn das Uebel fast untüchtig zur Beschäftigung. Herr Prof. Lim An kränkelte sammt Herrn Boldrini ebenfalls.

Ein unglücklicher Zufall hätte in einer dieser Nächte uns Allen auf eine gräfsliche Art das Leben rauben können. Wir hatten einen halben Centner Pulver zum eigenen Verbrauch und zu Geschenken bei uns in einem Fäfschen, das in einem Sacke verwahrt blieb, und um besser in Aufsicht zu stehen, immer mitten unter uns im Zelte befindlich war. Am Abend hatte einer unserer Gefährten die Laterne innerhalb ans Zelt gehängt, und war dann eingeschlafen, indem noch mehrere Andere vor dem Zelte wach waren. Das in die Laterne nur mit einem Haken eingeklemmte Wachslicht war herabgefallen, und als zufällig Dr. Hemprich ins Zelt trat, fand er in geringer Entfernung vom Pulverfasse mehrere Effecten in Flammen; einige Augenblicke später wäre das Zelt unauslöschlich in Brand gewesen, und ohne Zweifel das Pulver entzündet worden. Der Schaden, durch zeitige Hülfe gemindert, betraf nur Herrn Liman's Sonnenschirm und einige Effecten des Herrn Boldrini.

Am 13ten November theilten wir unsern Arabern den Entschlufs mit, dafs wir gesonnen wären, noch heut nach Siwa aufzubrechen, und dadurch zugleich ihren und unsern Bedürfnissen abzuhelfen. Diese ganz den früheren Wünschen der Araber entsprechende Erklärung hatte eine ganz andere Wirkung, als wir hätten erwarten sollen. Abubrick zeigte uns an, dafs er mitgegangen sey, um uns nach Derna zu begleiten, aber nicht nach Siwa, und verlangte 30 span. Thaler, die der Herr General ihm habe für die Ankunft in Ben Ghasi zusichern lassen, hier ausgezahlt. Wir weigerten uns anfangs, ihm, der uns überall hin begleiten sollte, und seine Bezahlung in Alexandrien und nicht von uns, sondern von Hadj EnDaui zu erwarten hatte, in dieser unbilligen Forderung nachzugeben. Ganz erhitzt und im Ausbruch der heftigsten Verwünschungen aller Christen, und unter Drohungen ging er zu den Beduinen, und verrieth diesen einiges, was wir früher im Vertrauen zu ihm über ihre Unredlichkeit gesprochen hatten, um dieselben gegen uns aufzureizen. Da wir den Beduinen noch nicht alles im Contracte Bewilligte vorläufig ausgezahlt hatten, so hielten wir für klüger, den rohen erhitzten Menschen zu befriedigen, und uns dadurch theils unsere Achtung, theils unser überhaupt nur sehr unsicheres Verhältnifs zu den Arabern aufrecht zu erhalten, indem wir ja doch späterhin diese Auslage den Beduinen wieder abziehen konnten.

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