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Für die Descendenztheorie ist es aber gar nicht erforderlich, die Zeit nach Jahren zu berechnen; es genügt vollständig, wenn man die nachgewiesenen Veränderungen als Maassstab benutzt. In geschichtlicher Zeit sind die geographischen Umrisse der Länder, so weit uns bekannt, nur an vereinzelten Punkten merklich verändert worden. In den meisten Gegenden ist nicht zu constatiren, dass entschiedene Aenderungen in der Höhenlage stattgefunden haben; einige Küsten haben sich etwas gehoben, einige etwas gesenkt; an einigen Stellen lässt sich nachweisen, dass Senkungen und Hebungen mit einander gewechselt haben. Das Klima der meisten Gegenden hat sich nicht merklich verändert; die Beobachtungen an einzelnen Orten sprechen für eine Zunahme, an andern für eine Abnahme der Temperatur. In den Alpen sehen wir die Gletscher bald schwinden, bald wachsen, eine Erscheinung, die auf periodische Schwankungen des Klima's (Feuchtigkeit oder Wärme) deutet. Wir können aus diesen Beobachtungen auf die Beständigkeit der topographischen und klimatischen Verhältnisse auf der Erde schliessen, wenigstens für den Zeitraum, über welchen sich unsere Erfahrungen erstrecken. Betrachten wir nun unsere Kenntnisse über die gegenwärtige Pflanzenwelt, so haben wir die Beständigkeit der meisten Formen, geringe Schwankungen und Abänderungen anderer zu constatiren. Wir können somit wohl eine Analogie zwischen der Constanz der physischen Verhältnisse der Erdoberfläche und der Constanz ihrer Vegetation annehmen.

Gehen wir bis in die Eiszeit zurück, so finden wir in mittleren Breiten eine gewaltige Verschiedenheit der Zustände. Ein grosser Theil der Ebenen Norddeutschlands und Englands unter Wasser, Skandinavien und die Alpen mit ungeheuren Gletschern bedeckt, überall Zeichen eines rauhen Klimas. Während eines andern Abschnittes der Quartärzeit war wiederum die ganze Nordsee trocken. Diesen gewaltigen physischen Veränderungen scheinen die Aenderungen in der Vegetation kaum zu entsprechen. Viele Pflanzen der Alpen und des hohen Nordens, die damals ein zusammenhängendes Wohngebiet inne hatten, sind noch heute seit ihrer Trennung genau übereinstimmend. Sollten die physischen Veränderungen, welche seit der Eiszeit eingetreten sind, nicht hingereicht haben, um im Laufe der Jahrtausende die alpinen Racen von Papaver alpinum L., Poa aretica R. Br., einiger Draben, Alsinen u. s. w. ausgebildet zu haben? Gehen wir nun weiter zurück in die Pliocänperiode, so wird der Schluss derselben von der Eiszeit durch eine Aenderung der physischen Verhältnisse geschieden, deren Betrag dem des Unterschiedes zwischen Eiszeit oad Gegenwart ähnlich sein mag. Aus den langen Perioden der Pikcänzeit haben wir nur einige Andeutungen über die Vegetatioibverhältnisse; wir gelangen endlich zur Miocänperiode, als das Gebirgssystem der Alpen noch wenig entwickelt war und als es wahrscheinlich noch keine Ostsee gab, als überall in den kühlem Gegenden der Erde ein subtropisches Klima herrschte. Wir dürfen es nicht wunderbar finden, wenn wir sehen, dass seit jeneT Zeit, seit welcher sich so grosse physische Veränderungen zugetragen haben, auch die Vegetationsdecke der Erde erhebliche Wandlungen durchgemacht hat Die subtropischen Miocänptianzen stimmen nicht mehr genau überein mit den entsprechenden Formen der Gegenwart; viele Typen sind verschwunden, manche sind in etwas modificirter Gestalt, einzelne anscheinend unverändert erhalten. Die innigen Beziehungen zwischen der miocänen und der jetzigen Pflanzenwelt vermag aber Niemand zu leugnen, der sich etwas genauer mit der Flora der Tertiärperiode beschäftigt hat.

Wenn wir nun ein Recht haben anzunehmen, dass sich zwischen Miocänperiode und Eiszeit, zwischen Eiszeit und Gegenwart gewaltige physische Umwälzungen vollzogen haben, von deren Grösse uns die Betrachtung der in historischer Zeit wahrgenommenen Veränderungen keine Vorstellung giebt, so steht auch Nichts im Wege anzunehmen, dass im Laufe der nämlichen Zeit Umänderungen der Pflanzenformen erfolgt sind, welche in entsprechender Weise diejenigen übertreffen, die wir in der Gegenwart beobachten. Der Unterschied zwischen der heutigen Vegetation und der miocänen entspricht etwa dem Unterschiede zwischen der gegenwärtigen Flora Mitteleuropa^ und derjenigen Japan's oder Oregon's oder Pennsylvaniens. Ein Theil der Arten ist identisch, ein Theil bietet geringfügige Unterschiede, ein Theil ist deutlich verschieden, ein Theil zeigt entfernte Analogieen, der Rest endlich ist in jedem Lande durchaus eigentümlich entwickelt.

Damit wollen wir diese Betrachtungen abbrechen. Das Ergebniss, zu welchem wir gelangt sind, macht auf Neuheit keinen Anspruch. „Wir können nicht ohne willkürliche Voraussetzungen sagen, was Art und Abart ist" — so drückte sich bereits vor mehr als 40 Jahren G. R. Trevirahüs (Erschein, u. Ges. d. organ. Lebens I S. 1G0) aus. Wenn diese einfache Wahrheit noch gegenwärtig eine eingehende Beweisführung zu erfordern scheint, so ist dies nur dadurch erklärlich, dass die eingeführte Nomenclatur und die in der Systematik übliche analytische Methode sich viel genauer an die entgegengesetzten Vorstellungen von dem Wesen der organischen Art anschliessen. Die Beschreibungen streben nach Präcision und erwecken daher in dem Leser die Meinung, als seien die beschriebenen Formenkreise nun auch wirklich präcis geschieden. Selbst solche Naturforscher, welche gewohnt sind in der freien Natur zu untersuchen, pflegen diejenigen Beobachtungen, welche zu Zweifeln Anlass geben, als unsicher und verwirrend gänzlich zu unterdrücken. Sobald es einmal Sitte werden wird, den Artbeschreibungen einen Abschnitt über „Abänderungen , Uebergangsformen und Verwandtschaften" hinzuzufügen, wird eine überwältigende Menge von Thatsachen bekannt werden, welche Licht auf die Beziehungen der verschiedenen Formenkreise zu einander werfen. Die Betrachtungen, welche wir über den Begriff der organischen Art angestellt haben, führen ferner zu der Ueberzeugung, dass die JoRDAn'schen und HoFFMAnn'schen Arten bei dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft nicht einfach bei Seite geschoben werden dürfen. Die Beibehaltung des weiten morphologischen Artbegriffs hat namentlich im Interesse der Uebersichtlichkeit grosse und wichtige Vorzüge, deren Aufopferung zu Gunsten eines doch nicht con&equent durchführbaren Princips schwerlich empfohlen werden kann. Die JoRDAn'schen Arten werden zu ihrem vollen Rechte gelangen, wenn sie als Subspecies oder Racen mit festen Namen in's System eingefügt werden. Dagegen kann der gedankenlose und bequeme Schlendrian, welcher diese Racen ebenso behandelt, wie die halbbeständigen oder die zufälligen Abänderungen und Zustände, nicht scharf genug gerügt werden.

Endlich werden die vorstehenden Betrachtungen noch ein Bedürfniss dargelegt haben, nämlich das nach botanischen Versuchsgärten. Die Methodik und die Regeln der botanischen Experimentirkunst sind noch viel zu wenig bekannt und erprobt, um bei gelegentlichen Versuchen genügende Berücksichtigung zu finden. Daher die zahlreichen Zweifel, zu denen die bisher vorliegenden Erfahrungen Anlass geben, daher die Unsicherheit der meisten Angaben über Bastarde, Varietäten und Abänderungen. Wie wenig wissen wir über die Lebensbedingungen der meisten Pflanzen, über die Ursachen vieler chorologischen Erscheinungen! So finden wir z. B. in den meisten Gegenden Mitteleuropa^ einzelne versprengte Formen, die südlicheren Zonen angehören und unwillkürlich als die letzten übrig gebliebenen Reste der Flora einer ehemaligen wärmeren Periode aufgefasst werden. Und doch wissen wir, dass der Gegenwart nicht eine wärmere, sondern ei» kältere Zeit voraufging. Es sind somit die Lebensbedingung^ solcher unter anscheinend abnormen Verhältnissen vorkommend«!. Gewächse zu erforschen. Die Frage über den Eiutiuss des Bodöt , auf die Vegetation bedarf dringend einer experimentalen Prüfung | Die wichtigste Aufgabe für die Versuchsgärten wird aber notwendig in der Erforschung der zahlreichen Probleme zu suchci sein, welche die Verhältnisse der Abänderung und Kreuzung bieten Wie wirken Boden, Klima, Feuchtigkeit, Varietätenkreuzung, Inzucht V Wie lassen sich neue Ilacen erzeugen, fruchtbar machen und fixirenV Die Wissenschaft bedarf dringend Aufklärung über diese Fragen; statt der zahllosen unzusammenhängenden Tiutfsachen, die ihr neuerdings geboten werden, verlangt sie eine_Bearbeitung der Lehre vom Leben der Arten nach klaren Grundsätzen und strengen Methoden. Es wird gegenwärtig unendlich viel Zeit, Papier und Tinte vergeudet mit Erörterungen und Betrachtungen über zweifelhafte Fragen, die sehr wohl einer experimentalen Prüfung fähig sind und einzig und allein durch eine solche endgültig entschieden werden können. Die Biologie der Arten kann und muss ein vollberechtigter Zweig der exaeten Naturwissenschaft werden, während sie gegenwärtig so vernachlässigt und daher so unsicher begründet ist, dass sie die Misshandlungen der unwissendsten Doctrinäre zu erdulden hat. Aber \ auch die praktische Bedeutung der Sache ist nicht gering anzuschlagen. Die Methoden, welche die einzelnen Blumenzüchter befolgen, um samenbeständige Varietäten und Hybride zu erhalten, werden gegenwärtig als eine Art Geschäftsgeheimniss behandelt, so dass es einigen „Gelehrten" sogar zweifelhaft erschienen ist, ob Varietäten überhaupt durch Auswahl und Inzucht fixirt werden können oder nicht. Es ist aber leicht einzusehen, dass es für Blumenzucht, Gartenbau und Ackerbau von der höchsten Wichtigkeit ist, bestimmt zu wissen, nach welchen Grundsätzen man zu verfahren hat, um möglichst sicher Abänderungen zu erzielen und die nützlichen unter denselben samenbeständig zu machen. Wie gross die praktische Tragweite der wissenschaftlichen Untersuchungen über die Arten und deren Abänderungen sein wird, vermag selbstverständlich Niemand im Voraus zu ermessen; die Erfahrung lehrt imless, dass die Ergebnisse der Naturforschung fast auf allen Gebieten sehr bald eine Verwerthung im Dienste des Menschen zu finden pflegen. Es wird daher schwerlich bestritten werden können, dass bei dem gegenwärtigen Stande unserer Kenntnisse

die Begründung von Versuchsgärten eine ausserordentliche wissenschaftliche Bedeutung hat. Es kann allerdings fraglich sein, welches Land die Ehre haben wird, den ersten selbständigen Versuchsgarten einzurichten, dagegen ist es nicht zweifelhaft, dass der ersten derartigen Anstalt sehr bald zahlreiche andere folgen werden.

Wenn auch die auf den vorstehenden Blättern bekämpfte doctrinäre Aulfassung des Speciesbegriffs sich mehr und mehr als unhaltbar erweisen dürfte, so wird doch die Ermittelung des Grades der Beständigkeit uud der Veränderlichkeit der Pflanzenformen noch für viele Jahrzehnte ein fruchtbares Feld für wichtige grundlegende Untersuchungen bilden.

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